In der Minderheit

Martina Steinbrecher
Von den Schwächen der Kirche und der Stärke des Evangeliums
Ich gehöre zu einer Minderheit in unserer Gesellschaft – dieser Zustand ist für mich neu und beschäftigt mich. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ist nämlich die Zahl der Menschen, die einer der großen Kirchen angehören, auf unter 50 Prozent der Gesamtbevölkerung gesunken. Katholische und evangelische Christen gehören plötzlich zu einer Minderheit im Land.
Als Angehörige der letzten Generation von Babyboomern war meine Grunderfahrung jahrzehntelang eine andere: Sie hieß: Wir sind viele. Auch in der Kirche. Auf meinem Konfirmationsfoto zähle ich zweiundsechzig Köpfe in dichten Reihen hintereinander. Während meines Theologiestudiums habe ich in völlig überfüllten Hörsälen auf Fensterbänken und auf dem Fußboden gesessen. Und vor dem Vikariat war völlig klar, dass nur wenige aus unserem Jahrgang in den Dienst der Kirche übernommen würden. Natürlich hat sich das alles in den letzten Jahrzehnten schon massiv verändert. Aber diese 50% Marke ist ein Einschnitt. Als wäre ein Gleichgewicht für immer gekippt. Und als wäre meine Generation von Pfarrerinnen und Pfarrern daran schuld. Ich kenne einige Kolleginnen und Kollegen, die sich diese Entwicklung persönlich zur Last legen.
Erst vor kurzem war ich in einem Gottesdienst, in dem ein Pfarrer in den Ruhestand verabschiedet wurde. Von rückläufigen Mitgliederzahlen war an diesem Sonntagmorgen nichts zu spüren. Aber als wir am Ende des Tages noch im kleinen Kreis zusammenstanden, hat der Kollege gesagt: „Dieses Gemeindezentrum hier ist schon verkauft. Bald soll es abgerissen werden. Es wird nicht mehr gebraucht. Dann werden hier Wohnungen gebaut. Da habe ich mich so sehr ins Zeug gelegt, aber ich konnte den Niedergang nicht aufhalten.“ Plötzlich sah er sehr müde aus. Und enttäuscht.
Wenn ich mich mit meinem katholischen Priesterkollegen treffe, führe ich ähnliche Gespräche. „Wissen Sie“, sagt er zu mir, „wenn ich mich als junger Priester irgendwo vorgestellt habe, sind mir die Menschen mit Respekt und Vertrauen begegnet. Ich fand das schön und fühlte mich geehrt. Heute sehe ich in den Gesichtern der Menschen die Frage zucken, ob sich hinter meiner zugewandten Art nicht vielleicht ein Monster verbirgt, das kleinen Kindern Gewalt antut.“
Sie schämen sich für die Kirche, für die sie sich ein Berufsleben lang mit Herzblut eingesetzt haben. Der Priester schämt sich für den unsäglichen Umgang seiner Kirche mit dem Thema sexualisierte Gewalt. Und der Pfarrer schämt sich für den scheinbar unaufhaltsamen Rückzug seiner Kirche aus dem Leben der Menschen.
Ja, man kann sich für die Kirche schämen. In den 1700 Jahren, in denen es die Kirche gibt, hat sie vieles falsch gemacht. Für das Evangelium schämen, auf dessen Boden sie steht, muss man sich aber nicht. Das behauptet jedenfalls der Apostel Paulus. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom schreibt er: „Für das Evangelium schäme ich mich nicht. Denn es ist eine Gotteskraft, die alle selig macht, die daran glauben.“ (Römer 1, 16)
Manchmal sehne ich mich deshalb nach den Anfängen des christlichen Glaubens zurück. Vor rund 2000 Jahren ist das Christentum eine junge, attraktive jüdische Reformbewegung. Die Institution Kirche gibt es noch nicht, genau so wenig wie ihre Besitztümer, ihre Pfarrstellen, ihre Ordnungen oder auch ihre Skandale. Ihre Amtsträger gehen alltäglichen Berufen nach. Der Apostel Paulus verdient sein Geld zum Beispiel als Zeltmacher. Und bereist ganz ohne Überstundenkonto und Reisekostenabrechnungen den ganzen östlichen Mittelmeerraum. Er predigt, geht in Kontakt mit den Leuten, überzeugt, gründet Gemeinden, schreibt unermüdlich Briefe. Und die Anhängerschaft wächst. Aus einer kleinen, unbedeutenden Minderheit wird eine ernstzunehmende Gruppierung.
Der emsige Apostel ist sich sicher: Schuld daran ist das Evangelium von Jesus Christus. In den Geschichten von dessen Leben und Sterben steckt eine Kraft, die Menschen selig macht. Nur so kann er sich erklären, dass Menschen, die sich bisher gar nicht angesehen fühlten, plötzlich in Würde erstrahlen, dass Schwache ungeahnte Stärken in sich entdecken, bisher Tatenlose ihr Leben in die Hand nehmen, Egoisten sich aufopferungsvoll um andere kümmern, Unterdrückte den Wind der Freiheit spüren. Ja, in den Geschichten von Jesus Christus steckt ein ungeheures Potential für einzelne und für die ganze Gesellschaft.
Und das ist noch lange nicht aufgebraucht. Denn auch das ist wahr: Immer wieder haben im Lauf der Kirchengeschichte Menschen sich auf dieses Evangelium berufen und zu Reformen aufgerufen. Und die Welt damit auch zum Positiven verändert.
Schon möglich, dass die Kirche heute schwach ist, und dass man sich manchmal sogar für sie schämen muss. Fürs Evangelium aber nicht! Das bleibt Gottes Liebeserklärung an uns Menschen! Und ich glaube: Auch in meiner kleiner werdenden Kirche ist diese Kraft am Werk.