Grenzenlos

zerstörte Häuser

Martina Steinbrecher

Die Erdbebenkatastrophe ist grenzenlos. Die Hilfsbereitschaft sollte es auch sein.

Die Katastrophe kennt keine Grenzen. Länderübergreifend hat ein furchtbares Erdbeben eine Region heimgesucht, in der es im geographischen Untergrund immer wieder gefährlich brodelt und zu tektonischen Spannungen und Verwerfungen kommt. Es ist eine Naturkatastrophe, nicht menschengemacht. Deshalb könnte sie eigentlich verbinden und das (Mit-)Menschliche am Menschen zum Vorschein bringen. 
 
Und tatsächlich schaue ich am Bildschirm zu, wie Menschen teils mit bloßen Händen in den Trümmern von Häusern nach Überlebenden rufen, schürfen, graben. Unbändig die Freude, wenn dann wieder ein Mensch mit völlig verstaubtem Gesicht, aber lebendig aus einem Hohlraum unter dem Schutt gezogen und gerettet werden kann. Ja, denke ich, dafür lohnt es sich, an die Grenzen zu gehen, alles zu geben, in eiskalten Regengüssen auszuharren und das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Diesen berührenden kleinen Wundermomenten steht aber auch die wachsende Zahl der bereits tot Geborgenen gegenüber. 11000 sollen es mittlerweile sein, die Verwundeten und mit einem Mal Obdachlosen nicht mitgerechnet. 
 
Während die Katastrophe also keine Grenzen kennt, sieht es bei der organisierten Katastrophenhilfe ganz anders aus. Ob Menschen in der Türkei, in Syrien oder im Katastrophenniemandsland auf Hilfe warten, macht einen großen Unterschied. Plötzlich spielen Bündnisse, nationale Beziehungen, verhängte Sanktionen und politische Rücksichtnahmen wieder eine entscheidende Rolle. Zu einer Seite hin setzen sich technische und medizinische Hilfskolonnen in Bewegung, auf der anderen regiert die blanke Not. Dabei sollte doch jetzt einfach ein humanitäres Bündnis in Kraft treten, ein gemeinsamer Wille, den vom Erdbeben betroffenen Menschen zu helfen. Denn vielleicht verbindet uns Menschen nichts mehr als unsere Verletzlichkeit.     
 
Die Katastrophe könnte auch ein Zeichen sein und dazu beitragen, Grenzen zu überwinden und Menschen miteinander zu verbinden. Im syrischen Aleppo haben Moscheen und Kirchen ihre Türen geöffnet, um Verletzte und Obdachlose aufzunehmen. Und ich gehe nicht davon aus, dass am Eingang nach der Religionszugehörigkeit gefragt wird. Und hier ist es nicht anders: Die Aleviten in Stuttgart und die Caritas in Freiburg, die Kommune Aalen, die eine Partnerstadt im Krisengebiet und deswegen gute Verbindungen dorthin hat, die 22000 Baden-Württemberger mit türkischer Staatsangehörigkeit und die 60 000 Menschen mit syrischen Wurzeln ziehen zusammen an einem Strang. Und viele andere mit. Sie wollen helfen. Ich hoffe, dass diese Hilfe noch viele Grenzen überwindet. Und ankommt.