Statt zagen: wagen

lachende Frau an Seilrutsche

Thomas Weiß

Wie sollen wir nicht verzagen angesichts der harten Realitäten?
Von zaghafter Hoffnung

„Ob ich das wohl schaffe?“ (Kopfschütteln), „Ach nee, das trau ich mich nicht!“ (abwehrende Handbewegung), „Aber das krieg ich nie hin!“ (die Stirn kraus, ein Schulterzucken). Ängstliche Fragen, mutlose Feststellungen – so wird Verzagtheit in kleiner Münze ausbezahlt.
 
„Der Zug ist abgefahren – den Klimawandel hält keiner mehr auf!“, „Das wird nie was mit Frieden und Gerechtigkeit – die Menschen sind halt so.“ „Armut und Kriege, wird’s immer geben. Lernfähig? Die Menschheit? Dass ich nicht lache!“ So wird Verzagtheit in großer Münze ausbezahlt.
 
Ob klein oder groß, es ist teuer bezahlt. Viel zu teuer. Denn Verzagtheit nimmt alle Kraft, irgendwie noch an der Schraube zu drehen, das Ruder doch umzuwerfen, noch etwas zu verändern, im Großen und Ganzen oder im Kleinen und Besonderen. Wer verzagt, gibt den Verhältnissen recht, bestätigt und verfestigt sie, beraubt sich selbst aller Chancen und Perspektiven.
 
Doch wie sollten wir nicht verzagen, angesichts der harten Realitäten? Ich muss die Dinge ja gar nicht aufzählen, sie stehen uns täglich vor Augen: zerstörte Städte, verwüstete Landschaften, aussterbende Arten, verhungernde Säuglinge.
Irritierend dabei, dass die Bibel in diese Verzagtheit einzustimmen scheint, schon auf den ersten Seiten, wenn von der Sintflut die Rede ist und Gott nüchtern festhält: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Und Jesus, ganz lapidar: „Arme habt ihr allezeit bei euch!“, vom Prediger Kohelet ganz zu schweigen: „Alles ist eitel und ein Haschen nach dem Wind.“
Was sollen wir da noch sagen?
 
Nichts. Tun wir es Gott gleich und sagen wir erst einmal nichts. Denn er spricht uns nicht zu: „Nun mach mal halblang!“, „Wird schon werden!“, „Irgendwie kriegt ihr das noch hin!“. Er sagt nichts (vor allem keine hohlen Worte) – aber handelt. Auf seine Weise: zaghaft.
 
Mich hat das Handeln und Lassen Jesu in der Passionsgeschichte, die uns in den kommenden Wochen wieder erzählt werden wird und nahekommt, immer sehr fasziniert. Denn er tut nicht viel, aber lässt viel geschehen. Jesus baut sich nicht auf und nimmt das Heft in die Hand, er schickt nicht seine Truppen und krempelt die Welt um – er begibt sich hinein in das, was uns verzagt macht. Das Ausgeliefertsein, die Ohnmacht, der Tod. „Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen … auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ heißt es bei Jesaja (53,4+5). Der schweigsame Jesus, der leidende Erlöser, der macht mir Mut.
Weil er die Sorgen auf sich nimmt, die Not trägt, und weil er den Tod gleichsam von innen her besiegt. Das ist nicht spektakulär – das ist zaghaft, liebevoll, leise.
Neben der Nüchternheit der Bibel („Alles hat seine Zeit!“) lese ich in ihr auch: Gottes Zaghaftigkeit hilft gegen Verzagtheit. Auf das, was mich verzagen lässt, was mich bedrängt, kann ich zugehen, weil gewiss ist: Gott hat es mit seiner unaufdringlichen Zaghaftigkeit, seiner sanften, leisen Liebe schon ausgefüllt. Statt zagen also: wagen.
Gegen meine Verzagtheit führe ich eine zaghafte Hoffnung ins Feld. Das ist viel!