Altersarmut — wenn das Geld nicht mehr zum Leben reicht

Politik & Gesellschaft
Armut spielt verstecken mit uns. Sie ist da, aber man kann sie leicht übersehen. Vielleicht auch, weil Armut in Deutschland ein anderes Gesicht hat als die Armut in den Ländern des globalen Südens. In Deutschland muss niemand um sein Überleben fürchten. Aber: Einige unserer Mitmenschen haben im Vergleich zum allgemeinen Lebensstandard weniger. Weniger Besitz, weniger Verdienst - und das nagt am Selbstwertgefühl. Im Alter verschärft sich die Situation, wenn die Rente zu klein ist, die Preise steigen, der Körper die Mitarbeit im Alltag verweigert. Altersarmut droht.
„Scham ist die größte Hürde für arme Menschen“, berichtet Annegret Trübenbach-Klie, Bildungsreferentin für die Arbeit mit älteren Menschen und Mitinitiatorin des Projektes „Sorgende Gemeinde werden“: „Arm sein bedeutet mehr als Geldsorgen zu haben. Viele arme Mitmenschen sind isoliert, verlieren den Anschluss, weil auch die familiären Netzwerke nicht mehr nur an den Ort gebunden sind - wenn die Kinder oder die Enkel beispielsweise nicht mehr in der Nähe wohnen.“
Die Gründe, in Altersarmut zu rutschen, sind vielfältig: Unterbrechungen im Erwerbsleben, das dauerhafte Arbeiten im Niedriglohnsektor oder in selbstständiger Tätigkeit. Alleinerziehende, die sich primär um den Nachwuchs kümmern. Frauen, die in traditionellen Rollenbildern aufgewachsen sind und dann durch Scheidung oder den plötzlichen Tod des erwerbstätigen Mannes verarmen. Allen ist gemeinsam, dass sie im Verhältnis zum Durchschnitt weniger in die Rentenkasse eingezahlt haben oder weniger finanzielle Reserven für das Alter ansparen konnten.
Altersarmut - Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben (Beitrag aus Himmel über Baden)
Was kann Kirche tun?
Annegret Trübenbach-Klie ist da sehr klar: „Um der Isolation und der Einsamkeit entgegenzuwirken, müssen wir als Kirche Angebote schaffen, die Teilhabe ermöglichen.“
Dann erzählt Trübenbach-Klie vom Treff-Tisch im Supermarkt: „Seit kurzem findet im Boxberger Edeka der sogenannte Treff-Tisch statt. Gleich nach der Kasse empfangen Ehrenamtliche an einem Stehtisch ältere und einsam wirkende Kundinnen und Kunden, um mit ihnen ein ‘Schwätzle’ zu halten. Wichtig ist allein, dass alle ins Gespräch kommen. Und genau das passiert: So trafen sich beim ‘Schwätzle’ am Treff-Tisch zwei Frauen zum ersten Mal, obwohl sie im gleichen Haus wohnen. Sie hatten noch nie miteinander gesprochen.“
Ein weiteres kirchlich-diakonisches Angebot sind Tafelläden. In einem Tafelladen können Personen mit geringem Einkommen oder kleiner Rente für einen „symbolischen Preis“ einkaufen.
Einer dieser Tafelläden befindet sich in Remchingen. Es ist der einzige Tafelladen im ländlichen Raum zwischen Karlsruhe und Pforzheim. Katrin Bauer von der Diakoniestation Remchingen ist dafür verantwortlich: „Unser Tafelladen ist ein Treffpunkt in der Region geworden. Zum Einkaufen kommen 40 bis 50 Haushalte. Dazu kommen 45 Ehrenamtliche, die gemeinsam mit der Ladenleitung den Betrieb aufrechterhalten und für unsere Kundinnen und Kunden immer ein offenes Ohr haben.“ Der Tafelladen bietet auch denen, die nicht bedürftig sind, eine Teilhabemöglichkeit: „Unsere Ehrenamtlichen sind überwiegend Menschen im Rentenalter. Die Mithilfe im Tafelladen hilft ihnen ihren Alltag im Ruhestand zu strukturieren.“
Treff-Tisch und Tafelläden sind zwei kirchlich-diakonische Initiativen von vielen. Initiativen die versuchen, die zwischenmenschliche und materielle Not einiger unserer Mitmenschen abzumildern.
„Altersarmut kann uns theoretisch später alle treffen“ warnt Annegret Trübenbach-Klie. „Fast ein Viertel der über 80-Jährigen in Deutschland leiden bereits jetzt unter Altersarmut. Somit bleibt das Gegensteuern eine Zukunftsaufgabe - nicht nur für die Kirche, sondern für uns alle!“
Annegret Trübenbach-Klie
Bildungsreferentin der Evangelischen Erwachsenen- und Familienbildung in Baden