Das geheimnisumwobenste Amt der Landeskirche

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Wissen Sie, was eine Prälatin oder ein Prälat tut? Dagmar Zobel hat dieses kirchliche Amt schon 11 Jahre inne, Traugott Schächtele sogar ein Jahr länger. Erklären, was sie tun, das mussten sie immer wieder. Im Interview erzählen sie von lustigen Begebenheiten und ernsten Herausforderungen.
„Wir haben das geheimnisumwobenste Amt in der badischen Landeskirche,“ sagt Traugott Schächtele schmunzelnd. Er ist seit 2010 Prälat von Nordbaden, sein Dienstsitz ist in Schwetzingen. „Gleich zu Beginn meiner Amtszeit als Prälat hat mich der kleine Sohn unserer Nachbarn gefragt, ob ich jetzt wirklich Pirat werde.“
Auch Dagmar Zobel, seit 2011 Prälatin von Südbaden mit Dienstsitz in Freiburg, erinnert sich an eine lustige Situation: „Ich war zu Gast einer Gemeinde am Bodensee, die schon länger nicht besetzt war. Nach dem Gottesdienst fragte mich jemand ‚Und was machen Sie beruflich?‘ Sie waren es gewohnt, dass eine Prädikantin oder ein Prädikant mit ihnen Gottesdienst feiert. Die predigen ja ehrenamtlich und üben andere Berufe aus. Und Prälatin klingt halt so ähnlich wie Prädikantin.“
Dabei ist es kein Geheimnis, was die Aufgaben einer Prälatin und eines Prälaten sind. In Artikel 75 der Grundordnung der Evangelischen Landeskirche in Baden heißt es: „Die Prälatinnen und Prälaten unterstützen die Landesbischöfin bzw. den Landesbischof in der geistlichen Leitung der Landeskirche.“ Dazu gehört u.a. Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch andere Mitarbeitende in beruflichen und persönlichen Anliegen zu beraten.
„Wir sind Seelsorgende für die Seelsorgenden“, erklärt Dagmar Zobel. Und das kann durchaus mit „Geheimnissen“ zu tun haben, nämlich mit dem, was ihnen in Gesprächen anvertraut wird. Traugott Schächtele formuliert es so: „Häufig sind die Menschen in einer bestimmten Situation, müssen eine bestimmte Entscheidung treffen.“ Als Beispiele nennt er Stellenwechsel, familiäre Sorgen oder Krankheit. „Da können wir eine Art Anlaufstation sein, ein ‚Vorsondierungsbereich‘ bevor sich jemand an das Personalreferat wendet.“ Und er betont: „Ohne Protokoll und Meldung. Außer es wird ausdrücklich gewünscht, dass ich irgendwo Bescheid gebe.“
Mal melden sich die Ratsuchenden selbst, mal rufen Dekaninnen und Dekane an und bitten: „Schau doch mal nach dem oder der.“ Immer wieder hat Dagmar Zobel erlebt, dass jemand mit einem bestimmten Anliegen um ein Gespräch gebeten hat. „Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass es einen dahinterliegenden Anlass gibt. Dass beispielsweise das Verhältnis zum Ältestenkreis oder zur Dekanin bzw. Dekan sehr schwierig geworden ist.“ Traugott Schächtele ergänzt: „Deshalb nenne ich es auch gern das Amt des zweiten Blicks. Man überlegt noch mal und wenn es sein musss, dreht man noch mal eine Runde, bis man für den Einzelnen und die Einzelne eine Lösung findet. Bei allem, was man kritisieren kann: es ist gut, dass die badische Landeskirche diesen fürsorglichen Dienst anbietet.“
Beide berichten von deutlich mehr Gesprächen seit Corona. Erschöpfung ist ein Phänomen, das zugenommen hat. „Da kommt vieles zusammen“, meint Schächtele, „Corona, der Veränderungsprozess ekiba 2032, der allgemeine Relevanzverlust, aber auch Kränkungen in der beruflichen Laufbahn.“ Zobel berichtet von Gesprächen, bei denen das Gefühl steigender Belastung bei fehlender Wertschätzung durch Vorgesetzte oder „die Landeskirche“ im Mittelpunt steht.
Zur geistlichen Leitung gehört auch, dass beide die Landeskirche bei offiziellen Anlässen vertreten. Bei diesem Stichwort lachen beide. „Bei uns sind immer die Entwidmungen hängengeblieben. Einweihungen hat der Bischof immer selbst gemacht.“
Der erste Bischof, mit dem Zobel und Schächtele zusammenarbeiteten, war Ulrich Fischer. Ihm folgte Jochen Cornelius-Bundschuh. Seit einem Jahr unterstützen sie Landesbischöfin Heike Springhart.
„Schön ist, dass das Amt der Prälatin bzw. des Prälaten auch Freiraum lässt, der individuell gefüllt werden kann. Das haben wir auch gemacht,“ sagt Dagmar Zobel rückblickend. Besondere Freude haben ihr Ordinationsrüsten (Vorbereitung der Aufnahme in die Dienstgemeinschaft der Pfarrer:innen) und Pfarrkollegs (Fortbildungs- und Begegnungsveranstaltung für Pfarrer:innen) bereitet. Für Schächtele waren es die jährlichen Predigtmeditationen mit Pfarrerinnen und Pfarrern und die Gottesdienste. „Unter der Woche war es oft belastend, aber sonntags waren es in aller Regel schöne Anlässe. Und es wurde sehr geschätzt, wenn wir gekommen sind. Je weiter von Karlsruhe weg, umso mehr.“
Aktuell bereiten sich sowohl Traugott Schächtele als auch Dagmar Zobel auf ihren Abschied aus dem Amt vor. Beide gehen in den Ruhestand. Schächtele wird am 24. März 2023 in der Heidelberger Heiliggeistkirche verabschiedet, Zobel am 28. Mai 2023 in der Christuskirche in Freiburg.
Sie sind froh, dass bei ihrer Verabschiedung auch schon die Nachfolger:innen, Heide Reinhard (Nordbaden) und Dr. Marc Witzenbacher (Südbaden), eingeführt werden. Denn: „Die Herausforderungen für den kirchlichen Dienst werden weiter zunehmen. Durch die anstehenden Veränderungen ist auch mehr Konfliktstoff da. Damit steigt auch der Bedarf, begleitet zu werden.“
Sie selbst werden einen neuen Alltags-Rhythmus lernen müssen, ohne dienstlich gefüllten Kalender. Kein Geheimnis ist, dass sie sich auf mehr Zeit für Enkelinnen und Enkel, für das Lesen und Schreiben, Wandern und Radfahren freuen.
