Schließlich

Thomas Weiß
Von Endgültigem und Anfängen
„Jetzt ist aber Schluss! Hallo, es reicht!“ Oder: „Wollt ihr nicht mal langsam Schluss machen?“ Das sind zwei dieser Sätze, die – kommunikationstheoretisch gesagt – der Sender wohlmeinend ausspricht, die beim Empfänger aber nie ankommen. Das hab ich irgendwann gelernt: Wenn eine Schulklasse außer Rand und Band ist (Reliunterricht, freitags, 6. Stunde) oder die Söhne vor dem Schlafengehen noch toben wollen (Kissenschlacht), dann kann ich mir auch den ernstesten Apell und die flehentlichste Bitte um „Schluss!“ einfach sparen. Wird nicht gehört! „Schluss“ – eine gänzlich unbekannte Vokabel aus einer exotischen Sprache.
Übrigens auch ein Wort, dass ich persönlich nicht so sehr mag. Wenn es „Schluss mit lustig“ ist, klingt das doch recht unwirsch, und der „Einsendeschluss“ oder der „Schlusssatz“ haben etwas sehr Endgültiges (letzter auch noch mit drei S geschrieben, das zischelt ja nur so …) – genau wie der „Schlusspunkt“, der das Ende eines Satzes markiert und dabei nicht zimperlich ist. „Jetzt mach aber mal ‘nen Punkt“ ist wohl nicht höflich gemeint.
Mein Lieblingssatzzeichen ist der Doppelpunkt: Danach geht es weiter! Am Schluss eher nicht.
Aber stimmt das denn? Es kommt wohl darauf an, wie ich das Wort verstehe.
„Schluss“ kommt von „schließen“ – und klar: Ich kann zuschließen, abschließen, verschließen, eine Tür, ein Tor und mich selbst. Ich kann „Schluss machen“ (da werden pubertäre Erinnerungen wach) und mich „schlussendlich“ entscheiden (dann gibt es keine Diskussionen mehr).
Aber ich kann auch: aufschließen, beschließen und zusammenschließen, eine Tür, ein Tor, Konsequenzen und Nachbarn und Freunde. Dann eröffnet sich etwas, dann ist der „Weisheit letzter Schluss“ nicht, mich zuzumachen und abzuwenden, sondern mich aufzutun und zugewandt zu leben. Den Mitmenschen zugewandt, der Schöpfung, der Zukunft.
Interessant ist der überraschende Befund, dass das Wort „Schluss“ in der Lutherübersetzung der Bibel nicht vorkommt (jedenfalls in meiner Konkordanz, die ich zu Rate ziehe, wenn ich wissen möchte, welche Schmuckstücke der biblische Wortschatz bereithält). Der „Anfang“ aber schon, und zwar, wie bekannt, sehr prominent, gleich im ersten Satz der Bibel. Ich glaube, Gott mag auch lieber Doppelpunkte. Selbst das Kreuz Jesu war kein „Schluss und aus“, sondern der liebevolle Auftakt zu einem Lebenslied, das sich an Ostern aus einer Grabeshöhle erhob. Ein Anfang eben.
Und weil Anfänge so viel besser sind, mach hier mal mit einem Anfang schließlich Schluss.