Dem Auferstandenen begegnen

3 Steine, Motive Kreuz, leeres Grab, Fisch

Ulrike Trautz

Die kleinen Auferstehungen im Leben entdecken

"Halte mich nicht fest!" (Johannes 20,17) – Wie ein Paukenschlag muss das für Maria geklungen haben.  Gerade noch hat sie die Nähe Jesu gespürt und die Intimität genossen – da stößt er sie zurück. Sie will ihn anfassen, ihn berühren, wie früher, aber er baut Distanz auf.  
  
Vergangenes lässt sich eben nicht festhalten. Neues ist angebrochen. Und das Neue will gelebt werden, auch wenn es schwer ist.  
Maria muss lernen, das Bild des irdischen Jesus loszulassen, und Jesus in seiner neuen Wirklichkeit wahrzunehmen. Nur so kann sie in eine neue Beziehung zu ihm finden. Jesus hilft ihr dabei, indem er sie in seinen Dienst nimmt und ihr einen klaren Auftrag erteilt: "Geh zu meinen Geschwistern und sage ihnen: Ich steige auf zu meinem GOTT und eurem GOTT, zu GOTT, die mich und euch erwählt hat." (Johannes 20,17)  
  
Noch ist die neue Wirklichkeit nicht zu fassen: Jesus ist auferstanden von den Toten. Er lebt. Bei Gott. Um überall für uns spürbar und erfahrbar zu werden und Licht zu bringen ins 'Dunkel unsrer Nacht'. 
  
Viele verschiedene Ausprägungen der Dunkelheit lasten auf dieser Welt. Die großen politischen - Krieg und Naturkatastrophen, Armut und die Ausbeutung von Mensch und Natur. Und die ganz persönlichen - eine zerbrochene Beziehung, das Scheitern an meinen eigenen Ansprüchen, die Rechnungen, die ich nicht mehr bezahlen kann, die Mutlosigkeit, die immer mehr nach mir greift ... 
Und doch wohnt in all diesem ‚Dunkel unserer Nacht‘ die Hoffnung – die Hoffnung auf das Feuer, das Jesus immer wieder entzünden kann in unseren Herzen, die Hoffnung auf das Licht, das von ihm ausgeht, das unsere trüben Gedanken verscheucht und unsere Seele erhellt. Denn Jesus ist in allem Dunkel unseres Lebens gegenwärtig und steht uns zur Seite.  
 
Oft erkennen wir ihn lange nicht - vielleicht weil wir nicht mit ihm rechnen oder weil wir anders mit ihm rechnen. 
Wie oft mag er uns begegnet sein und wir haben ihn nicht erkannt oder haben ihn mit jemand anderem verwechselt - wie Maria? 
Aber Gott sei Dank bleibt Jesus hartnäckig an uns dran. Und versucht immer wieder, sich uns auf vielfältige Weise zu erkennen zu geben. 
 
„Mit Maria dem Auferstandenen begegnen“ heißt, offen zu bleiben für diese Begegnung mit Jesus und ihn überall in unserem Leben zu suchen. Er ist auf der Suche nach uns und er wird Wege finden, sich uns zu zeigen und zu erkennen zu geben. So wie Maria, die ihren Namen aus seinem Mund hören muss. Oder wie den Jüngern, denen Jesus nach ihr begegnet. Sie müssen seine Wunden sehen, um zu glauben. 
Und danach Thomas, der die Wundmale anfassen muss, damit er Jesus erkennt. 
Jedem und jeder begegnet Jesus auf je eigene Weise. Weil wir ihm wichtig sind und weil er uns zu sich ins Licht und ins Leben ziehen will. 
 
Hat Jesus auch Sie schon berührt und verwandelt? Haben Sie es einmal gespürt –  dieses erste ungebremste Lachen nach einer langen Zeit der Traurigkeit, die neue Kraft, die auf einmal da war, Verständnis, das neu füreinander wachsen durfte, diese Lust am Leben und die Freude, die wieder strahlen darf, die Leichtigkeit, die wieder die Oberhand gewinnt, eine neue Liebe, eine neue Aufgabe, ein neuer Weg? Auferstehung – (erfahrbar) mitten im Leben! 
  
Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass alle Trauer mit einem Schlag aus dem Herzen Marias gewichen ist. Ostern ist ein langer Weg. Einer, der bis ans Ende unseres Lebens führt. Denn erst dann ist es ganz Ostern für uns, wenn wir mit dem Auferstandenen leben dürfen für immer und ewig. 
Aber die kleinen Auferstehungen im Leben, die gilt es zu entdecken. Immer wieder. Damit die Hoffnung bleibt. Und die Vorfreude. Und damit wir erzählen können von dem Gott, der uns kennt und liebt, und von Jesus Christus, dem Lebendigen, der uns begegnet und unserem Leben immer wieder eine neue Wendung gibt.  
 
Dieser Impuls ist Teil des Ostergottesdienstes 2023 aus der Kreuzkirche in Bretten.
 
  

Ulrike Trautz

Dekanin im Evangelischen Kirchenbezirk Bretten-Bruchsal