Arg ärgerlich

Thomas Weiß

Über kleine und große Ärgernisse

kleiner Junge mit ärgerlichem Gesichtsausdruck
Hamm‘se mal ein Jahr, neun Monate und vielleicht fünfzehn Tage Zeit? So lange ungefähr wird’s dauern, bis ich aufgezählt habe, was mich tierisch aufregt, was mich so richtig ärgert:
Radfahren bei Nacht ohne Licht, SUWs auf Behindertenparkplätzen (SUWs überhaupt), kleine kläffende Hunde, große kläffende Hunde (und deren Hundekacke auf Gehwegen), Populisten und Großmäuler aller Arten, Betonköpfe, rote Ampeln (wenn ich los muss), grüne Ampeln (wenn ich mal stehen bleiben will), Prinzipienreiter und Dipfelesschisser*innen, Großkotze und Kleinkarierte, Zyniker*innen und Tugendbolde, Vorurteile (außer meine eigenen), Unpünktlichkeit und Larmoyanz, Heuchelei und Unterwürfigkeit, Reden ohne Ende und Enden ohne reden … und, und, und. Ich vermute, Sie haben kein Jahr und neun Monate, um meine lange Liste – noch viel länger als hier mal angedeutet – durchzuarbeiten. Eigentlich verlängert sie sich ja auch täglich. Und erfreuliche Lektüre wäre es ja ohnehin nicht, schon gar nicht zielführend: Mein Ärger hat sich noch nie abgebaut, indem ich ihn gelistet habe …
 
Ich behaupte mal frech (und hoffe, Sie damit nicht zu ärgern): Sie haben Ihre eigenen Ärger-Listen.
Aber – wie gesagt – die helfen nix. Gegen Ärger helfen: Geduld, Toleranz, Gelassenheit. Wie ärgerlich, dass die sich im Ärger-Falle selten sofort einstellen. Es ist leichter, aufzubrausen als herunterzufahren, einen Kropf zu kriegen und einen dicken Hals statt die Arme vor der Brust zu verschränken und nonchalant abzuwarten. Mir gelingt das jedenfalls nicht so oft.
Dabei müsste ich vielleicht nur einen Moment verharren und mich umtun: Da drüben lächelt jemand, eben zieht ein köstlicher Duft an mir vorbei, aus dem Fenster gegenüber dringt Musik (der alte Schmachtfetzen, den ich seit Jahren nicht mehr gehört habe), da gucken sich zwei ganz naiv verliebt an, mir fällt die Gedichtzeile ein, auf die ich seit Tagen nicht gekommen bin, und Heiko, dem ich sie einst vorgelesen habe, nach dem dritten Glas Wein – und wir sind Freunde geworden darüber.
 
Upps – jetzt ist der Ärger fort. Hab ich mich je geärgert? Kann nicht sein!
Es sind Kleinigkeiten, die den Ärger vertreiben können. Es ist – biblisch betrachtet – eine Kleinigkeit, die die großen, überaus großen Ärgernisse vertreibt. Das größte Ärgernis ist der Tod. Und es ist nur ein geringer Lichtstrahl, der ihn besiegt. So wird’s im Ostergarten gewesen sein (glaube ich): Da ist keine Welt grell explodiert, da hat kein gleißendes Licht hell in jeden Winkel gestrahlt und alle Schatten ausgeleuchtet. Es ging leise zu, ein behutsamer Strahl hat sich hervorgewagt, ein sanftes Gran Leben hat sich aus der Höhle geschlichen – und wuchs und wuchs und wuchs. Bis das Erdenrund erfüllt war mit einem zarten lebendigen Licht.  
So setzt Gott sich und sein Leben durch: zart und aufdringlich, liebevoll. Und was ärgerlich ist, wird nicht verleugnet, aber in ein Lachen umgemünzt. Ein Osterlachen.
 
  

Thomas Weiß

Kirchenrat i. R.

Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
 

Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung