Im Gespräch löst sich vieles – Hilfe bei seelischen Problemen

Wer zu Christoph Lang in die Beratungsstelle „brücke“ nach Karlsruhe kommt, hat Sorgen. Sorgen und Probleme, die nicht warten können. Der evangelische Pfarrer und seine Kolleginnen und Kollegen sind da, um den Menschen zuzuhören. Viele junge Leute der sogenannten Generation Z gehören dazu. Ihnen ist auch die diesjährige ökumenische Woche für das Leben (22.-29. April) unter dem Motto „Generation Z(ukunft). Sinnsuche zwischen Angst und Perspektive“ gewidmet.
Die ökumenische Beratungsstelle „brücke“ in Karlsruhe ist etwas Besonderes, weil sie Gespräche über Probleme ohne Termin anbietet und das 32 Stunden in der Woche. „Krisen kommen oft über Nacht und warten nicht auf den Arzttermin in vier Wochen“, betont Christoph Lang. Wer bei ihm landet, ist meist in einer schwierigen Lebenssituation. Dann steht für den Coach an erster Stelle zuhören, das Problem erkennen und nach Lösungen suchen.
Hilfe bei seelischen Problemen in Anspruch zu nehmen, ist kein Tabu mehr. Es kommen ungefähr gleich viele junge Männer und Frauen zur „brücke“. Worunter sie leiden, unterscheidet sich nicht von anderen Generationen. Den Umgang mit persönlichem Scheitern, Prüfungsstress, Trennungen, den Herausforderungen im ersten Job, der Zusammenarbeit mit Kollegen/-innen mussten alle lernen.
Zweifel an Gerechtigkeit und Demokratie gab es früher schon. „Die menschlichen Grundbedürfnisse sind gleichgeblieben,“ meint Lang. Dazu passt es, dass junge Menschen sich nach Familie und Freunden sehnen bzw. sie ganz oben auf ihrer Wunschliste stehen. Familie gelte als sicherer Hort in einer unsicheren Welt, wo schon Siebenjährige erklärt bekommen, wie ein Atomkraftwerk funktioniert, digitales Wissen angehäuft wird und Drohkulissen überall zu spüren sind.
Die Rahmenbedingungen haben sich geändert
Anders geworden sind die Lebensumstände. Noch nie gab es ein so stabiles, oft von Wohlstand geprägtes Aufwachsen und so viele Möglichkeiten für Jugendliche, ihr Leben zu gestalten. Vor lauter Wald sehen viele die Bäume nicht mehr und könnten nicht entscheiden, „Was ist das richtige für mich?“ Christoph Lang fällt auf, wie sehr junge Menschen unter Druck stehen, etwas zu verpassen oder alles gut zu machen. Das Verhältnis zu den Eltern sei heute eher freundschaftlich, locker cool - oder eben teilweise auch ganz lose und zerrüttet. „Das macht es dem Nachwuchs manchmal schwerer, sich zu lösen und auf eigenen Füßen zu stehen, wenn es zuvor sehr eng war.“ Die aktuelle Elterngeneration habe vielleicht das Loslassen ein wenig aus den Augen verloren, meint der Coach augenzwinkernd. Viele junge Menschen erlebt er bereit, Verantwortung zu übernehmen für Natur und Gesellschaft. Andere suchten Erfolg, ohne sich anstrengen zu müssen, weitere wüssten nichts mit ihrer Freiheit anzufangen. „Die Generation Z tickt nicht gleich, da gibt es große Unterschiede“, sagt Lang. Ihm und seinem Team ist es wichtig, Jugendlichen den Druck zu nehmen, perfekt zu sein, sportlich, gutaussehend, klug, erfolgreich. Social-Media-Kanäle, wo alle nur ihre Erfolge posten, begünstigten ständiges Vergleichen und Stress. „Das setzt keine Kräfte frei“, kritisiert der Seelsorger.
Eine relativ neue Herausforderung in der „brücke“ ist das Thema Geschlechteridentität. „Wer bin ich“, ist hier die existenzielle Frage und „wohin orientiere ich mich“. Corona hingegen hat kaum eine Rolle bei Langs Besuchern/-innen gespielt. Meist steckten andere Gründe hinter der angeschlagenen Verfassung. Einsamkeit oder der Angst vor Krankheiten. Auch der Ukrainekrieg sei bislang kein Thema, im Gegensatz zum Klimawandel, an dem viele junge Leute verzweifeln, die in die „brücke“ kommen. Dort arbeiten mit Lang noch vier Haupt- und 20 Ehrenamtliche. Sie nehmen Hoffnungslosigkeit und depressive Verstimmungen von jungen Leuten ernst, die darunter leiden, „dass wir die Erde so an die Wand fahren“. Wie kann man zuversichtlich in die Zukunft schauen, obwohl die Politik unfähig und die Gesellschaft zu verharren scheint? Für Lang ist eine Voraussetzung dafür, anzuerkennen, „dass wir manches nicht ändern können.“
Er ermuntert dazu, das persönliche Maß zwischen Ohn- und Allmacht auszuloten und zu entdecken, wie sich jeder sinnvoll einbringen kann, im Wissen, „es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber nicht umsonst“. Genauso wichtig findet er es, sich zu vernetzen, um nicht allein auf dem Weg zu sein.
Nicht alles ist eine Krankheit
Christoph Lang weiß, dass jede Generation ihre eigenen Belastungen und Herausforderungen hat und Strategien dagegen entwickelt. Bei "Modebegriffen" wie Narzissmus, toxische Beziehung oder Traumata ist er zurückhaltend. Das Einzelschicksal zählt und aktuelles Erleben. „Depression ist nicht immer gleich Depression. Manchmal ist es Traurigkeit, die zu uns Menschen gehört.“ Vielleicht könne man von der älteren Generation lernen, „dass nicht alles eine Krankheit ist. Es geht darum, weder zu bagatellisieren noch zu dramatisieren."
Im Gespräch löse sich vieles. Lang motiviert die jungen Leute, zu verstehen, was mit ihnen los ist und das Ergebnis anzunehmen. „Dann können sie auch mit sich freundlicher umgehen.“ Wege aus der Krise sind sehr individuell. Der eine entdeckt die Freude am Fahrradfahren, der andere sucht das Gespräch mit der Mutter und der dritte wechselt den Job. Eine Diagnose stellen die Mitarbeitenden der „brücke“ nicht.
Im Gespräch löse sich vieles. Lang motiviert die jungen Leute, zu verstehen, was mit ihnen los ist und das Ergebnis anzunehmen. „Dann können sie auch mit sich freundlicher umgehen.“ Wege aus der Krise sind sehr individuell. Der eine entdeckt die Freude am Fahrradfahren, der andere sucht das Gespräch mit der Mutter und der dritte wechselt den Job. Eine Diagnose stellen die Mitarbeitenden der „brücke“ nicht.
Das müssen Psychiater/-innen oder Psychologen/-innen tun. Diagnosen seien manchmal hilfreich und entlastend, aber nicht immer förderlich für den aktuellen Prozess. „Wir alle müssen mit unseren Baustellen und unseren Möglichkeiten leben.“
Und was können Eltern für die Generation Z tun? Lang will keine guten Ratschläge geben. Bei seinen Kindern war und ist ihm die vertrauensvolle Beziehung wichtig, die sich auch verändern darf. „Mit den Kindern wachsen, Interesse an ihnen haben und sich nicht selbst verlieren. Das Leben ist Wandel.“
Die Gespräche bei der „brücke“ sind streng vertraulich, kostenfrei und auf Wunsch anonym. Die Beratungsstelle wird von der evangelischen Kirche und der katholischen Gesamtkirchengemeinde Karlsruhe finanziert.
Weitere Informationen: https://bruecke-karlsruhe.de/
Veranstaltungstipp
Online-Veranstaltung mit Landesbischöfin Heike Springhart und Erzbischof Stephan Burger und Fachleuten zum Thema „Was hält junge Menschen? Krisenerfahrung, Lebensgefühl und Suizidprävention in der jungen Generation“, am 27. April, 19.30-21 Uhr;
Anmeldung unter: www.ebfr.de/wochefuerdasleben
Anmeldung unter: www.ebfr.de/wochefuerdasleben