Für ein gutes Miteinander in kirchlichen Betrieben

Menschen bei einer Demonstration

Der 1. Mai ist traditionell der Tag der Arbeiterbewegung. Vielerorts rufen Gewerkschaften und gewerkschaftsnahe Parteien und Organisationen zu Kundgebungen für Arbeitnehmerrechte auf. Für die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Kirche und Diakonie setzt sich Susanne Eichler ein. Erfahren Sie, was ihre Arbeit ausmacht und was sie sich für kirchliche Betriebe wünscht.

Susanne Eichler ist gelernte Krankenschwester und Altenpflegefachkraft. Seit über 20 Jahren arbeitet sie für den Badischen Landesverein für Innere Mission, einer diakonischen Einrichtung, die Pflegeheime und soziale Einrichtungen in Baden betreibt. Seit 2013 ist Eichler als Mitarbeitervertreterin freigestellt. Seitdem kümmert sie sich ausschließlich um die Belange ihrer Kolleginnen und Kollegen. Vergleichbar ist ihre Funktion mit der einer Betriebsrätin in einem „weltlichen“ Unternehmen oder einer Personalrätin im öffentlichen Dienst.
 
Susanne Eichler
Susanne Eichler engagiert sich für ihre Kolleginnen und Kollegen
„Menschen kommen zu mir, wenn sie zu ihrer Eingruppierung Fragen haben, wenn es Probleme mit dem Urlaubsantrag gibt oder wenn es Konflikte im Team gibt. Aber das sind eher Einzelanliegen. Mitarbeitervertretungen beschäftigen sich zum großen Teil damit, was die Mitarbeiterschaft insgesamt braucht, um gut arbeiten zu können. Also dass z.B. Dienstpläne gut geregelt werden, dass die Einarbeitung gut läuft oder dass die Teams so zusammengesetzt sind, dass ein harmonisches Ganzes entsteht.“
 
Unterschiede zwischen Mitarbeitervertretung und Betriebsrat gibt es bei den rechtlichen Grundlagen. In privaten Unternehmen oder im öffentlichen Dienst sind die Rechte von Arbeitnehmervertretern durch das Betriebsverfassungsgesetz bzw. durch das Personalvertretungsgesetz geregelt. Es wird vom Bundestag verabschiedet. In Kirche und Diakonie hingegen gibt es das Mitarbeitervertretungsgesetz, das durch die Synode (Kirchenparlament) verabschiedet wird. Diese andere Art der rechtlichen Regelung wird als der „Dritte Weg“ der Kirchen bezeichnet. Dieser Sonderweg im Arbeitsrecht ist Teil des Selbstbestimmungsrechts der Kirchen, das im Grundgesetz garantiert wird. Im „Dritten Weg“ verstehen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber als eine Dienstgemeinschaft. Arbeitsbedingungen sowie Löhne und Gehälter werden in der sogenannten Arbeitsrechtlichen Kommission (ARK) ausgehandelt, die je zur Hälfte von Arbeitgebern (Dienstgeber) und Arbeitnehmern (Dienstnehmer) besetzt ist.
 
Der Dritte Weg ist nicht unumstritten. Denn ein Streikrecht zur Durchsetzung von Forderungen gibt es nicht. Das sieht auch Susanne Eichler kritisch: „Es wird immer vorausgesetzt, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer gut zusammenarbeiten, aber wenn das nicht klappt, haben wir relativ wenig Möglichkeiten uns zu wehren.“
 
 
Die Arbeitsbedingungen im Pflegebereich kennt Eichler aus eigener Erfahrung. Außerdem ist sie Mitglied im Gesamtausschuss Baden. Ein Gremium, das die lokalen Mitarbeitervertretungen berät und informiert. Daher weiß sie, dass auch kirchliche bzw. diakonische Einrichtungen von einem hohen Kostendruck betroffen sind:
„Die Refinanzierung der sozialen Hilfefelder durch den Staat ist schlecht. Das erzeugt bei den Einrichtungen einen hohen Kostendruck. Das ist in Kirche und Diakonie genauso wie bei städtischen oder privaten Anbietern. Auch den Arbeitskräftemangel spüren wir ebenso wie andere Unternehmen.“
 
Dass die Pflegefachkräfte in diakonischen Einrichtungen dennoch im Vergleich mit anderen Trägern gut bezahlt werden, schätzt Eichler. „Wir können ein bisschen damit punkten, dass wir in vielen diakonischen Einrichtungen einen sehr guten Tarif für die Fachkräfte haben. Darin ist die Kirche Vorreiter. Leider ist das z.B. bei den Pflegehelfern und Hauswirtschaftsmitarbeitern nicht so. Die werden im AVR-Tarif (Tarif der Diakonie) deutlich unter dem vergleichbaren TVÖD-Tarif bezahlt.“
 
Eichler findet, dass sich die Kirche als Arbeitgeberin an den von ihr gesetzten eigenen hohen Ansprüchen messen lassen muss: „Ohne Pflegehelfer wäre eine Fachkraft völlig aufgeschmissen und ohne die Hauswirtschaftsmitarbeiter wären wir auch völlig hilflos. Nur durch das Miteinander in allen Berufszweigen kann es funktionieren.“
 
Deshalb setzt sie sich als Mitarbeitervertreterin dafür ein, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf Augenhöhe miteinander kommunizieren: „Als Mitarbeiterin wünsche ich mir Vorgesetzte, die achtsam mit mir umgehen und denen ein gutes Miteinander wichtig ist. Wenn ich mich explizit dafür entschieden habe, für eine diakonische oder kirchliche Einrichtung zu arbeiten, sollte ich das auch spüren.“
 
Besonders wichtig ist Eichler, dass der Glaube in den Betrieben wieder mehr gelebt wird. Das sei durch die hohe Arbeitsbelastung und den Kostendruck in den letzten Jahren immer weniger spürbar gewesen. Das sei schade, weil gerade der gelebte Glaube, den Unterschied zwischen kirchlichen und diakonischen Betrieben und privaten Unternehmen ausmache könne.
„Ich kann mir gut vorstellen, dass man Geburtstage schön begehen kann, dass man Jubiläen von Mitarbeitern feiert, dass man wahrnimmt, wenn ein kirchliches Fest im Haus stattfindet und das eben nicht nur, indem man einen Teller mit Lebkuchen oder mit Ostereiern hinstellt, sondern dass man vielleicht auch ein Kärtchen dazu schreibt oder dass man eine Form des Zusammenseins findet, in der deutlich wird, dass es sich um ein christliches Fest handelt.“
 
Eichler will das aber nicht nur auf den christlichen Glauben beschränkt wissen: „Mir ist wichtig, dass man auch unsere vielen andersgläubigen Mitarbeitenden dabei einbezieht und ernst nimmt. Man kann doch auch einen gesegneten Ramadan wünschen und bei der Dienstplangestaltung darauf achten, dass Feste entsprechend berücksichtigt werden. Das wäre für mich gelebter Glaube im Betrieb.“
 
Eichler ist sich sicher, dass davon Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber auch die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen profitieren würden. „Christlicher Glaube hat ja ganz viel mit Werten und Wertschätzung zu tun und wenn man spürt, dass man mit seinen Bedürfnissen wahrgenommen und wertgeschätzt wird, spiegelt sich das auch in der Arbeit und im Miteinander wider.“
 
 
Weitere Informationen und Angebote für Mitarbeitervertretungen finden Sie im Arbeitsfeld Arbeit und Ethik in der Infothek