"Und es ward besser mit ihm"

junges Paar macht Musik

Dr. Matthias Kreplin

Von der heilenden Kraft der Musik

Im 1. Samuelbuch wird eine Geschichte erzählt, in der es um Erwählung und Verwerfung, Selbstvertrauen und Depression und die heilende Kraft der Musik geht. Ich finde sie auch für unsere Zeiten des Umbruchs hilfreich.
 
Zuerst ein kurzer Blick in die Vorgeschichte:
Die Stammesgemeinschaft der Israeliten hatte in der Frühzeit keine zentrale Regierung, keinen König. Immer wieder fanden sich in Zeiten der militärischen Bedrohung spontan von Gott befähigte charismatische Führergestalten, die die israelitischen Truppen anführten. War die militärische Not aber überwunden, dann gingen alle wieder nach Hause. 
Nun kommt es in der Auseinandersetzung mit dem Volk der Philister zu einem dauerhaften kriegerischen Konflikt, der immer wieder zu Kämpfen führt. Und im Volk wird der Ruf laut nach einem König, der Israel beständig regiere und ein kleineres, stehendes Heer anführe. Samuel, der allseits anerkannte Priester-Prophet und Sprachrohr Gottes, trägt Gott diesen Wunsch vor und nach einigem Hin und Her gesteht Gott dem Volk einen König zu. 
 
Ausführlich wird im 1. Samuelbuch erzählt, wie Gott gerade Saul erwählt, einen groß gewachsenen und schönen Mann aus dem kleinsten Stamm Benjamin, und wie er von Samuel im Auftrag Gottes zum König gesalbt wird. Mit einem charismatischen Erfolg tritt Saul sein Amt an. Ihm gelingt es, die Philister und andere Nachbarvölker zurückzudrängen.
 
Aber Sauls Regierung steht unter einem schlechten Stern. An mehreren Stellen gerät er in Konflikt mit Samuel und dem, was Samuel als den Willen Gottes verkündigt. Das Ganze gipfelt darin, dass Samuel Saul verkündigt, Gott habe ihn verworfen und einen anderen zum König bestimmt. Samuel, der einst Saul zum König gesalbt und ihn unterstützt hatte, wendet sich von Saul ab. 
 
Saul leidet offenbar unter Depressionen. Das ist ja auch kein Wunder, wenn man sich seine Geschichte ansieht. Zuerst war er als Auserwählter Gottes gefeiert worden, hatte Erfolg um Erfolg errungen, hatte das zunächst zögerliche Volk für sich begeistert – und dann diese Auseinander­setzung mit seinem einstigen Förderer Samuel. Samuel entzieht Saul das Vertrauen, und noch mehr: Er verkündet auch, dass Gott Saul das Vertrauen entzogen habe. 
 
Auch wenn dieser Vertrauensentzug nur zwischen Samuel und Saul kommuniziert wird und nicht öffentlich bekannt wird, so trifft dieser Rückzug Samuels Saul doch ins Innerste. Und das nehmen die Menschen im Umfeld Sauls auch wahr. Sie interpretieren das so: Der Geist des HERRN aber wich von Saul, und ein böser Geist vom HERRN verstörte ihn. (1. Samuel 16,14)
 
Manchmal erlebe ich uns im Umbruch unserer Kirche ähnlich. Die vielen Veränderungen in unserer Gesellschaft, der Abbruch, den wir an manchen Stellen erleben, das schlechte Image, das Kirche inzwischen bei vielen hat, die großen Veränderungen, die sich durch die kleiner werdende Zahl an Mitgliedern ergeben – all das legt sich manchmal wie ein Mehltau auf unsere Seele. Mutlosigkeit und Depression machen sich breit. Müssen wir auch von uns sagen: Der Geist des Herrn wich von uns und ein böser Geist vom Herrn verstört uns?
 
Ich glaube nicht daran, dass unsere Kirche den gegenwärtigen Umbruch erlebt, weil Gott uns verworfen hat. Ich glaube nach wie vor daran, dass Gott mit seiner Kirche unterwegs ist und sie durch diese Umbrüche in eine neue Zeit führt. Aber aus der Geschichte wird deutlich, dass sich Depression und Mutlosigkeit ausbreitet, wenn die Gewissheit über den eigenen Auftrag und die eigene Berufung verloren geht. Und das scheint mir auch bei uns zu einem guten Teil der Fall zu sein. Es fällt uns manchmal schwer zu sagen, weshalb es Glaube und Kirche braucht – es fällt uns vor allem schwer, das so zu sagen, dass es bei anderen Resonanz findet, dass andere sich gewinnen lassen für den christlichen Glauben und die Kirche. Die alten Gewissheiten über unsere Rolle als Kirche in der Gesellschaft, oder bei uns Pfarrer*innen über unsere Rolle als Pfarrpersonen sind fraglich geworden. Und was die neue Zeit ausmacht und was uns darin trägt, das ist oft nur sehr vage deutlich.
 
Die Geschichte von Samuel und Saul zeigt: Der Umbruch gelingt nicht dadurch, dass wir unsere Aktivität steigern. Der Umbruch gelingt eher, wenn wir uns unseres Auftrags und unserer Berufung vergewissern. Wenn wir neu verstehen lernen, was Gott von uns in unserer Zeit will und braucht.
 
Noch etwas kann uns die Geschichte lehren: Es braucht auch Zwischenschritte, Maßnahmen, um die Umbruchszeit durchstehen zu können, Schritte, die noch nicht alles lösen, aber helfen, durch die Zeit hindurchzukommen. Die Männer in Sauls Umfeld wissen hier Rat: Musik soll den depressiven Saul aufmuntern. Musik als Heilmittel für die Seele.
 
Auch für uns kann dieser Rat hilfreich sein. Musik, vor allem das gemeinsame Singen, muntert uns auf. Indem wir im Singen auch große Worte in den Mund nehmen, die wir manchmal selbst so gar nicht sagen könnten, sprechen wir uns wechselseitig etwas zu, üben wir uns ein im Vertrauen auf Gott, vergewissern wir uns auch wieder unseres Daseins: Wir sind Kinder Gottes. Und wir erinnern uns an unsere Berufung: Gesandt in diese Welt, um Glaube, Hoffnung und Liebe zu stärken. 
Das Singen ist also nicht nur eine hilfreiche psychologische Technik, sondern es verschafft uns Zugang zu den Quellen, die uns tragen. Deshalb war und ist die Musik zu allen Zeiten von zentraler Bedeutung für die Religion. Es kann uns helfen gegen die Depression und Mutlosigkeit, das Singen zu pflegen. Möge auch für uns gelten, was von Saul erzählt wird: So erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm. (1.Samuel 16,23)
 
Und schließlich sehe ich in dieser Geschichte noch eine dritte Pointe. Die Maßnahme, die die Männer im Umfelds Sauls vorschlagen, und auf die Saul sich einlässt, läuft darauf hinaus, dass David an den Hof Sauls kommt. Er wird nicht nur Sauls Musiktherapeut, sondern auch Sauls Waffenträger.  Er hat ihn im Kampf zu begleiten und zu unterstützen und sammelt so Erfahrungen in der Führung. Einst wird David Sauls Nachfolger werden. Einst wird David der glorreiche König, der für alle Zeit in Israels Geschichte so sehr verehrt wird, dass man sich den zukünftigen Retter der Welt, den Messias, nur als Davids Nachkommen vorstellen kann. In der Zeit als Waffenträger liegt einer der Anfänge dieser Rolle, in die David dann hineinwachsen wird. Während Saul noch in seiner Depression gefangen ist, entsteht bereits die Rettung für das Volk Israel. 
 
Das soll auch unsere Zuversicht sein: Während wir noch mutlos und enttäuscht versuchen die Zeiten des Umbruchs zu bestehen, lässt Gott schon unter uns Neues wachsen, beginnt die Rettung schon. Halten wir danach Ausschau und vertrauen wir darauf, dass Gott seine Kirche nicht im Stich lässt!
 
  

Herr Dr. Matthias Kreplin

Oberkirchenrat / Leiter des Referats 1 "Verkündigung in Gemeinde und Gesellschaft"