Die ganze bewohnte Erde – Pfingsten und Ökumene

Freiwillige bei der Vollversammlung des ÖRK 2022

Wissen Sie, warum wir Pfingsten feiern? Pfingsten gilt als der Geburtstag der Kirche.  Der Überlieferung in der Apostelgeschichte zufolge wurden die Jünger am 50. Tag nach dem Tod Jesu vom Heiligen Geist erfüllt. Danach konnten sie fremde Sprachen verstehen und sprechen. Was das Pfingstwunder mit der Ökumene zu tun hat, erfahren Sie im Interview mit Anne Heitmann, Leiterin der Abteilung „Ökumene und Kirche weltweit“ in der ekiba.

Frau Heitmann, was feiern wir an Pfingsten und was hat das mit Ökumene zu tun?
 
Anne Heitmann: Pfingsten ist das Fest des Grenzen Überschreitens. Die biblische Geschichte kann man sich so vorstellen: In Jerusalem kamen Menschen aus allen Ländern der damals bekannten Welt zusammen. Die Jünger waren in ihrem Haus, hatten die Türen zu gemacht und wollten eigentlich unter sich bleiben. Und dann kommt dieser Geist und der Impuls, die Türen zu öffnen und rauszugehen. Die Jünger überwinden ihre Angst und überwinden Grenzen, in dem sie auf andere zugehen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass sie die anderen Menschen in ihren jeweiligen Sprachen reden hören und sie auch verstehen.
 
Inwiefern ist das wichtig?
 
Anne Heitmann: Weil sie offen sind für andere und auch zuhören. Für uns bedeutet das: wenn wir uns Mühe geben, dann können wir einander wirklich verstehen, selbst wenn wir unterschiedliche Sprachen sprechen. Darin liegt der Grundgedanke von Ökumene: Wir sind eine weltweite Gemeinschaft von Christinnen und Christen, die versuchen einander zu verstehen und voneinander zu lernen.
 
Meint Ökumene nicht die Gemeinschaft von katholischen und evangelischen Christen?
 
Anne Heitmann: Ökumene kommt ursprünglich von dem griechischen Oikumene und das heißt „den ganzen Erdkreis umfassend“. In Deutschland verstehen viele Ökumene hauptsächlich als evangelisch-katholisches Gespräch, weil das lange Zeit die vorherrschenden Konfessionen waren. Ökumene ist aber sehr viel mehr als das. In englischen Kontexten versteht man unter ecumenical auch die internationalen Beziehungen der Kirchen untereinander. Dort wo die konfessionellen Verhältnisse anders sind, wird der Begriff auch anders verstanden. Bei uns umfasst die Ökumene die Beziehungen zwischen den verschiedenen evangelischen, freikirchlichen, katholischen, orthodoxen, anglikanischen Gemeinden und Kirchen. Das ist aber nicht überall so.
 
Können Sie ein Beispiel nennen?
 
Anne Heitmann: Wenn man in vielen Ländern Asiens von christlichen Kirchen spricht, dann sind damit oft nur die verschiedenen protestantischen Kirchen gemeint. Die Katholiken zählen extra. In Indonesien zum Beispiel werden Protestanten und Katholiken als zwei unterschiedliche Religionen betrachtet. Für Indonesier*innen ist also unsere evangelisch-katholische Ökumene in Deutschland sehr überraschend.  
 
2022 fand in Karlsruhe die 11.Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen zum ersten Mal in Deutschland statt. Was ist der Ökumenische Rat der Kirchen?
 
Anne Heitmann: Im Englischen heißt es World Council of Churches, also Weltkirchenrat. Es ist eine Gemeinschaft von eigenständigen Kirchen, die sich zusammengeschlossen haben, um die Einheit der Kirchen voranzutreiben. Der Weltkirchenrat wurde 1948 in Amsterdam gegründet. Im Rückblick auf den 2. Weltkrieg wurde der Satz formuliert: „Krieg soll um Gottes willen nicht sein“. Die Kirchen verstanden das als auch als Auftrag, sich für die Überwindung von Spaltungen in den eigenen Reihen einzusetzen. Im ÖRK sind 352 Kirchen aus verschiedenen Kirchenfamilien vertreten. Sie repräsentieren ca. eine halbe Milliarde Christinnen und Christen. Die katholische Kirche ist nicht Mitglied, arbeitet aber in verschiedene Kommissionen mit.
 
Was ist von der Versammlung im letzten Jahr in den Gemeinden, bei den Menschen angekommen?
 
Begeisterte Menschen bei der Vollversammlung 2022
Spürbare Begeisterung bei der Vollversammlung des ÖRK
Anne Heitmann: Ich glaube bei der Vollversammlung war so etwas wie pfingstlicher Geist spürbar. Wir kamen aus der Pandemiesituation, der Ukrainekrieg war in vollem Gange, und wir wussten gar nicht, ob wir überhaupt noch miteinander reden können. Und da findet inmitten all dieser Krisen dieses Glaubensfest statt. Ich denke, da konnten auch normale Gemeindeglieder erleben, was weltweite Kirche ausmacht.
 
Gibt es Beispiele?
 
Anne Heitmann:  Auf dem Nachhauseweg von der Schlossbeleuchtung sprach mich ein Jugendlicher an und fragte, was denn das für ein Namensschild sei, das ich trage und warum so viele Leute damit unterwegs seien. Als ich ihm erklärte, dass das ein Treffen von Kirchenmenschen aus aller Welt ist, die überlegen, was sie für die Zukunft unseres Planeten und für die Versöhnung der Völker tun können, war er sichtlich beeindruckt. Ein junger Mann hat mir berichtet, dass er sich in der Straßenbahn mit einem orthodoxen Geistlichen unterhalten habe, und wie spannend das gewesen sei. Eine Kollegin hat mir erzählt, dass sie mit einer Frau aus Pakistan gesprochen hat, die in ihrem Land mit vielen Problemen konfrontiert ist. Dennoch hat sie fröhlich und überzeugt von ihrem Glauben berichtet. Die Kollegin meinte, das habe ihr wieder richtig Hoffnung gemacht.
 
Man spürt, wie sehr Ihnen die Ökumene am Herzen liegt. Was machen Sie an Pfingsten?
 
Anne Heitmann (schmunzelt): Ich halte einen Pfingstgottesdienst. Pfingsten gehört zu meinen „Lieblingssonntagen“, weil das Pfingstfest immer auch Anlass ist, verschiedene Stimmen und Sprachen im Gottesdienst zu hören. In Ettlingen haben wir etliche Menschen iranischer Herkunft in der Gemeinde, die auf Persisch mitwirken werden, aber auch andere Sprachen werden zu hören sein. Sich verstehen über Grenzen hinweg, das kann man dann hoffentlich auch im Gottesdienst erleben.
 
  

Pfarrerin Anne Heitmann

Kirchenrätin, Leiterin der Abteilung Ökumene und Kirche weltweit
 
Weitere Informationen zur Ökumene finden Sie im Arbeitsfeld „Ökumene und Kirche weltweit“