„Es ist so schwer, gut anzukommen“ – Von der Arbeit mit Geflüchteten in Heidelberg

Geflüchtete Kinder mit Spielsachen

Am 20. Juni ist internationaler Weltflüchtlingstag. Die Vereinten Nationen haben ihn ins Leben gerufen. Mit Aktionen und Veranstaltungen soll auf die Situation von Millionen von Menschen aufmerksam gemacht werden, die vor Krieg, Verfolgung und Gewalt fliehen müssen. Auf was muss man 2023 besonders aufmerksam machen? Sigrid Zweygart-Peréz, Seelsorgerin im Ankunftszentrum im Patrick-Henry-Village in Heidelberg, muss nicht lange überlegen. 
 

„Dass es außer Krieg noch andere Fluchtursachen gibt und die genauso legitim sind. Gründe, die den Menschen das Leben in ihren Heimatländern genauso unmöglich machen wie Krieg,“ sagt Pfarrerin Sigrid Zweygart-Peréz. Für die einen schränkt ein Terrorregime die Lebensmöglichkeiten lebensbedrohlich ein, bei anderen sind es persönliche Fluchtursachen wie Stammesfehden oder Blutrache. Ein weiterer Grund, warum Menschen ihre Heimat verlassen, ist der Hunger.   
 
Pfarrerin im Ankunftszentrum Heidelberg
Pfarrerin Sigrid Zweygart-Peréz im Büro im Ankunftszentrum Heidelberg  
Zweygart-Peréz ist im Kirchenbezirk Heidelberg Pfarrerin für Flucht und Migration. Je zweimal in der Woche ist sie oder ihr katholischer Kollege im Ankunftszentrum des Landes Baden-Württemberg im Patrick-Henry-Village (PHV) in Heidelberg. In der ehemaligen Wohnsiedlung von US-Militärangehörigen sind heute rund 2000 Geflüchtete untergebracht. „Jeden Tag lassen wir uns auf das ein, was die Menschen mitbringen. Das sind ganz praktische Fragen, aber auch religiöse Anliegen. Und die klassischen seelsorglichen Themen: Verlust, Trauer, Angst, Tod, das, was viele Menschen, die zu uns kommen, in ihrem Leben erfahren haben.“
 
In den Medien wird derzeit wenig über Fluchtursachen berichtet. Stattdessen kommen zahlreiche Verantwortliche aus Kommunen zu Wort, die über mangelnde Unterstützung der Regierung klagen.   Die enormen Herausforderungen der Kommunen sieht auch die Seelsorgerin. Sie beobachtet aber auch: „Aus meiner Wahrnehmung haben es viele Gemeinden versäumt, die Zeit, in der die Flüchtlingszahlen zurückgegangen sind, zu nutzen. Sie hätten zum Beispiel ihre bestehenden Einrichtungen in Stand setzen können. Wir müssen auch jetzt damit rechnen, dass das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist, auch wenn man sich bemüht, mit Zäunen, Mauern und Abkommen die Menschen abzuhalten. Letztlich wissen wir alle, dass das nicht funktionieren wird.“
 
Von der Politik ist Sigrid Zweygart-Peréz „komplett desillusioniert“. Man renne den Dingen immer nur hinterher, anstatt positiv zu gestalten. Dass es so wenig gelingt, das Potential der Menschen, die zu uns kommen, wahrzunehmen, macht sie ratlos. Das ist in der Kirche anders. Für sie spielt das Thema Flucht und Migration eine wichtige Rolle. „Ich bin sehr dankbar für diese unmissverständliche Haltung der Evangelischen Landeskirche in Baden und der Evangelischen Kirche in Deutschland, dafür, dass sie da klares Profil zeigt und sich nicht beirren lässt.“ Für die Pfarrerin ist die Bibel ein Buch voller Fluchtgeschichten. Immer wieder werde der Schutz von Fremden und Geflüchteten als zentrale Aufgabe und Verpflichtung erwähnt. „Wir wären gar nicht mehr Kirche, wenn wir uns dieses Themas nicht annehmen. Kirche ohne den Blick für die Marginalisierten ist aus meiner Sicht überhaupt nicht möglich.“
 
Es ist zu spüren, wie sehr ihr diese Arbeit am Herzen liegt. Warum? „Im Prinzip hat mich hat dieses Thema schon immer begleitet. Meine erste Klavierlehrerin zum Beispiel, war aus Chile vor Pinochet geflohen, wo ihr Mann aus politischen Gründen im Gefängnis saß. Ich fand es toll, dass diese Menschen bei uns in Sicherheit waren. Bei uns zuhause wurde auch viel über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen. Ich habe früh Bücher darüber gelesen und gewusst, dass so viele Menschen auch aus Deutschland fliehen mussten, um ihr nacktes Leben zu retten. Für mich hat das immer bedeutet, dass wir Geflüchteten Schutz bieten müssen. Unsere Kinderfrau war aus dem Kosovo geflohen. Es hat insgesamt fast zehn Jahre gedauert, bis sie endlich ein Bleiberecht hatten. Was das für die Menschen bedeutet hat, diese ständige Unsicherheit, dieses ‚Wir wollen euch nicht‘, das hat mich darin bestärkt, mich dafür einzusetzen, dass wir anders mit den Menschen umgehen.“  
 
Immer wieder klingelt zwischendurch ihr Telefon. Mehrfach ist es der Anwalt, der die Geflüchteten unterstützt. Dann ein Anruf eines Mannes, der nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit sucht. Sigrid Zweygart-Peréz strahlt: „Dann kommen Sie doch einfach morgen Nachmittag im Café Talk vorbei und dann sehen wir, ob das was für sie ist.“ Das Café Talk ist an zwei Nachmittagen in der Woche im ehemaligen Lutherzentrum in Heidelberg-Bergheim geöffnet. Hier begegnen sich Menschen mit und ohne Fluchterfahrung. „Wir haben festgestellt, dass es den Geflüchteten guttut, mal für zwei Stunden am Nachmittag rauszukommen, freundlich aufgenommen zu werden und sogar noch ein bisschen Deutsch zu lernen. Ich sehe oft Menschen, die am Vormittag hier bei mir am Tisch saßen und geweint haben und nachmittags treffe ich sie im Café Talk und sehe, dass sie mit anderen lachen und reden.“ Im Café Talk werden immer Ehrenamtliche gebraucht. „Jede und jeder, die ankommen, bräuchte eigentlich eine Person, die sich seiner oder ihrer annimmt. Es ist so schwer, gut anzukommen. Es ist unglaublich wertvoll, dass jemand sagt ‚Wenn was ist, du kannst mich anrufen. Ich helfe dir.‘“
Chorraum Kapelle mit Spielsachen
Spielecke in der Kapelle Patrick-Henry-Village 
 
Einen wichtigen Beitrag können auch Kirchengemeinden leisten, in deren Bereich sich Unterkünfte für Geflüchtete befinden. Dort vorbeigehen, einen Willkommens-Gruß hinterlassen und fragen, was gebraucht wird, sei wichtig. Natürlich seien die Menschen, die ankommen, sehr unterschiedlich und die Sprachbarriere oft riesig. Das dürfe man nicht unterschätzen. Dass es dennoch geht, zeigt ein Beispiel aus dem Schwarzwald. Dort hat sich eine ältere Dame eines jungen Mannes angenommen. Der war zunächst im Heidelberger Ankunftszentrum untergebracht und ist dann in den Schwarzwald transferiert worden. Dort ging er den Gottesdienst und traf auf die ältere Frau. Die konnte zwar kein Englisch, war aber der Ansicht: „Ich kann doch nicht in die Kirche gehen und so einen Menschen einfach unbeachtet lassen.“ Zweygart-Peréz: „Daraus ist eine so nette Freundschaft geworden zwischen diesem jungen Mann, der ganz verzweifelt hier vor mir saß, und dieser älteren Dame. Es gibt schon wirklich schöne Geschichten, wo man spürt, dass die Menschlichkeit nicht verschwunden ist. Das macht mir Mut.“
 
Am Weltflüchtlingstag werden sie in Heidelberg das Café Talk nach draußen verlegen, an die Bushaltestelle des Shuttle-Buses zum PHV. „Wir wollen deutlich machen, welchen Bedarf es gibt und damit auch die Kommunen mit ihren Anliegen unterstützen. Dass sie Hilfe brauchen, ist ja nicht von der Hand zu weisen. Die größte Zahl der Geflüchteten, die zu uns gekommen sind und die viel Ressourcen beanspruchen, was Wohnraum, Kita-Plätze und Sprachkursplätze angeht, sind die Menschen aus der Ukraine. Und da sind wir uns ja wohl alle einig, dass man da schnell handeln musste. Aber das kann nicht auf Kosten derjenigen sein, die aus anderen Gründen fliehen müssen.“
 
Auch andere Aktionen innerhalb der badischen Landeskirche werden am Weltflüchtlingstag auf die Situation von Flüchtlingen in Europa aufmerksam machen. 
 
Eine Stellungnahme von Landesbischöfin Heike Springhart und Oberkirchenrat Urs Keller zu den Reformplänen des EU-Asylrechts finden Sie hier.
 
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