Ein Traktor für die Ukraine

Traktor auf dem Feld

Eine über neun Tonnen schwere Spende des Gustav-Adolf-Werks rollt am Morgen des 16. Mai über die ungarische Grenze in Transkarpatien in Richtung des südwestukrainischen Dorfs Mezováry (Wary). Von den Frauen im Dorf wird sie sehnlichst erwartet, denn die Mais-Aussaat steht an – und seit dem russischen Angriffskrieg fehlt es hier an Männern, die fast alle von der ukrainischen Armee eingezogen wurden. Dank des Traktors John Deere 8310 wird in Mezováry in diesem Jahr genug gesät und geerntet werden können, um alle Menschen im Dorf und in der Region sattzumachen.

„Ohne die Männer schaffen wir es nicht!“

Vor dem Krieg hatte Mezováry etwa 3.100 Einwohner/-innen. Wie auch in den umliegenden Dörfern leben sie hauptsächlich von der Landwirtschaft – Mais, Kartoffeln, Weizen und Sonnenblumen werden dort angebaut. Für die schwere Feldarbeit teilten sich die Landwirte bislang zwei Traktoren: Alte, unkomfortable und schwer zu bedienende Fahrzeuge noch aus Sowjetzeiten, bei denen der Fahrer viel Körperkraft mitbringen musste und nach der Arbeit sprichwörtlich „wie gerädert“ war. Schwierig für einen Mann, nahezu unmöglich für eine Frau.

Auf Umwegen kommt Hilfe 

GAW-Generalsekretär Enno Haaks auf dem Traktor
GAW-Generalsekretär Enno Haaks auf dem Traktor
Im Sommer 2022 erreichte ein Hilfegesuch aus Mezováry das württembergische Gustav-Adolf-Werk (GAW): Den Frauen im Dorf war es kaum möglich, genug für alle säen und ernten zu können. Wie sollte es nur weitergehen? 
„Auf der GAW-Delegiertenversammlung hat auch das GAW Baden von der Sache erfahren“, berichtet Badens GAW-Geschäftsführerin Pfarrerin Dr. Gesine von Kloeden. Mit Geld allein wäre den Menschen in Mezováry nicht geholfen gewesen. Doch über ein Netzwerk unterschiedlicher Akteure wurde ein ungewöhnlicher Plan geboren und dann kam eine groß angelegte Spendenaktion ins Rollen: Der Erlös des Benefiz-Balles der Johanniter sollte dem Kauf eines neuen Traktors für Mezováry zugute kommen. 65.000 Euro kamen im Rahmen des Benefiz-Balles zusammen, weitere 35.000 Euro Spenden kamen durch das GAW hinzu: „Für ein neues Fahrzeug war das zwar immer noch etwas zu wenig“, erklärt Gesine von Kloeden. Aber in einem John-Deere-Werk in Ungarn konnte ein nur wenige Jahre alter, praktisch neuwertiger Traktor der Reihe 8310 erstanden werden, ausgerüstet mit speziell dem Zubehör und den Gerätschaften, welche für die Arbeit auf den Feldern von Mezováry gebraucht wurden. „Und Dank der Nähe zur ukrainischen Grenze sind nur geringe Transport- und Zollkosten angefallen.“  

„Leicht wie ein Spielzeug“

Noch am Tag seines Eintreffens in Mezováry nimmt der 245 PS starke Traktor seine Arbeit auf: Der Saatmais hat bereits darauf gewartet, in die Erde zu kommen. Mühelos pflügt der Anhänger durch die schweren Lehmböden, und dank der 16 Vorwärts- und fünf Rückwärtsgänge „ist der Traktor so leicht zu fahren wie ein Spielzeug“, stellt der erste Testfahrer erfreut fest, der 18-jährige Sohn von Zán Fábián, Bischof der Reformierten Kirche von Transkarpatien. Die Partnerkirche des GAW, die selbst rund 180 Hektar Land in dem Gebiet besitzt, ist nun die offizielle Eigentümerin des Traktors. Sie hat auch die Unterbringung vieler Geflüchteter in der Region um Mezováry organisiert, die sich aus den umkämpften Gebieten weiter östlich in Sicherheit bringen mussten und die ebenfalls verpflegt werden müssen. 
 
Die Landwirte und Landwirtinnen in Mezováry und den umliegenden Dörfern planen inzwischen, eine Genossenschaft zu gründen. Sie alle dürfen den Traktor künftig für die Feldarbeit nutzen. „Im vergangenen Jahr mussten die Frauen hier die reifen Kartoffeln mit den Händen aus der Erde graben“, erinnert sich Bischof Fábián. „Dieser Traktor ist für uns mehr als nur ein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug: Er ist ein sichtbares Zeichen der Hoffnung. Der Hoffnung auf eine gute Ernte – und auf Frieden in der Ukraine.“
 
 
Das Gustav-Adolf-Werk e. V. ist das älteste evangelische Hilfswerk in Deutschland. Es wurde 1832 in Leipzig gegründet. Das Gustav-Adolf-Werk in Baden besteht seit 1843. Es unterhält Beziehungen zur Waldenserkirche in Italien, zur Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder in Tschechien, zu den Kirchen am Rio de la Plata (Argentinien, Paraguay und Uruguay) und zu weiteren Partnerkirchen in Osteuropa, Südeuropa und Lateinamerika. 
Weitere Informationen unter www.gaw-baden.de