„Die Nacht ist still und lässt mich in Ruhe“ – Erfahrungen beim Wandern durch die Nacht

Blick in den Himmel bei Nacht

Glaube & Spiritualität

20 Kilometer wandern, durch die Nacht, ohne Licht. Was kommt da auf einen zu? Schafft man das überhaupt ohne Erfahrung? In Freiburg sind 30 Personen durch die kürzeste Nacht des Jahres gewandert. Daniel Meier war dabei und erzählt von ganz besonderen Stimmungen. 

Am Hauptbahnhof genehmige ich mir den letzten Kaffee des Tages, um die Müdigkeit noch etwas fernzuhalten. Auf der Bühne im Stadtpark findet eine Art offenes Singen statt, die Klänge der Biene Maja begleiten mich noch ein Stück. Dann ist plötzlich alles ruhig auf dem Weg zur Ludwigskirche im Freiburger Stadtteil Herdern. Nach und nach treffen sie auf der Grünfläche zwischen Kirche und Gemeindehaus ein: Jung und Alt, erfahrene Pilger und Neulinge, aus dem Breisgau oder der Ortenau, aber auch aus Karlsruhe und Mannheim. 
 
Bereits zum vierten Mal lädt die Evangelische Erwachsenenbildung Freiburg zur Wanderung durch die Johannisnacht ein, der kürzesten Nacht des Jahres, diametral zur Heiligen Nacht im Dezember. Knapp 30 Menschen sind es diesmal. „Damit ist die Höchstgrenze erreicht“, sagt Detlev Lienau, Pilgerbeauftragter der badischen Landeskirche, der die Tour gemeinsam mit Pfarrerin Gabriele Hartlieb organisiert hat.

20 Kilometer durch die Nacht

Kennenlernen rund um die Feuerschale. Jenen, die wie ich zum ersten Mal dabei sind, ist ein wenig mulmig zumute. 20 Kilometer sind ja tagsüber gut zu schaffen, aber im Dunkel der Nacht? Wer hat was zum Wachbleiben dabei: Tee oder Kaffee? Cola oder Lutschpastillen mit Koffein der Marke Wachmeister? Dann wird es tiefgründiger: Wie war die erste Hälfte des Jahres? Was erhoffe ich mir für die nächsten sechs Monate? Was darf wachsen, wenn die Tage abnehmen? 
 
Wegkreuz mit Mareinfigur
Zu Heiligabend habe er hier in der Ludwigskirche das Weihnachtsoratorium von Saint-Saens kaum ertragen können, weil sich seine Partnerin und er grade getrennt hätten, erzählt mir später ein Mitwanderer. Jetzt habe er wieder neuen Lebensmut gefasst und sei mit dankbaren Gefühlen vor der Kirche gestanden. Abschied nehmen und etwas Neues anfangen – diese Stichworte fallen mehrfach in der Vorstellungsrunde. Es tut gut, in die mit Wasser gefüllte Schale einen Stein für das zu Versenkende und eine Blüte für das Erhoffte zu legen.
 
Die Sonne sinkt, es steigt die Nacht, vergangen ist ein Tag. Um 23 Uhr steigen wir zum Freiburger Schlossberg hinauf. Noch überstrahlen die Lichter der Stadt die sternklare Nacht, und ein lauer Wind weht. Der Blick auf den erleuchteten Münsterturm vor dem letzten Streifen Helligkeit am Horizont ist zauberhaft. Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön: Wie schön, die wunderbaren Worte von Matthias Claudius bei der ersten Pause gemeinsam zu singen. Noch beleuchtet der abnehmende Mond den Weg, nach Mitternacht ist aber auch diese Lichtquelle für uns erst einmal versiegt.

Stille und Schweigen 

Mitternacht: An der nächsten Kreuzung ein weiterer geistlicher Impuls zum Thema Wasser, im Gedenken an Johannes den Täufer. Dann nächtliche Stille und Schweigegebot für unterwegs. leuchtende Handys sind unerwünscht. Es funktioniert, auch ohne Licht. Der Weg ist erkennbar oder zumindest spürbar. Und hin und wieder umschwirren uns Glühwürmchen. Gut aber, dass es den Vordermann oder die Vorderfrau gibt, an der ich mich orientieren kann. Allein würde ich nicht durch die Nacht wandern.
 
In Sankt Ottilien ein kurzer Kulturschock: Gesenkten Hauptes wandern wir an den wummernden Bässen von „If you’re going to San Francisco“ auf der Tanzfläche der beliebten Hochzeitslocation vorbei. 
 
1.30 Uhr: Pause an der idyllisch gelegenen Wendelinskapelle. Auf den Liegebänken der Wiese legen wir die Köpfe in den Nacken und blicken auf die Sternenpracht über uns. Gott der Herr hat sie gezählet. Die großen Tannen um uns herum wirken wie Mammutbäume. Nach einem hochsommerlichen Tag sinkt die Temperatur auf unter 20 Grad. Die ersten Pullover werden über das verschwitze T-Shirt gezogen. Wer hat welche Reaktion im Freundeskreis erlebt, als er von der bevorstehenden Pilgerfahrt berichtete? „Wahnsinnig, das würde ich auch gerne einmal machen“, oder „Total verrückt - stundenlang nur im Dunkeln wandern.“
 
Durch die Johannisnacht - Wandern mal anders (Beitrag aus Himmel über Baden)
 
Im Dreisamtal begrüßt uns eine Schafsherde mit ungläubigem Blöken. Nun werden die Beine doch schwer – wie in Trance setzte ich Fuß vor Fuß und frage mich, ob ich meine Tochter wirklich überreden soll, das nächste Mal mit dabei zu sein. 3.30 Uhr: Auf dem Dorfplatz in Stegen ziehe ich den Anorak an und erfreue mich am Müsliriegel der Mitwanderin. Das mitgebrachte Salamibrot passt irgendwie nicht.

Morgengrauen

Und plötzlich geht es erstaunlich schnell: Über den Schwarzwaldhöhen ein winziger kleiner Streifen Helligkeit, der rasch zunimmt. Ein erster Vogel ruft, seine Mitgeschöpfe stimmen ein, bald schallt es aus allen Richtungen. Alle Müdigkeit ist plötzlich verflogen. Den steilen Weg hinauf zum Kloster Lindenberg zieren Windlichter mit biblischen Verheißungen die Strecke. Wir sind endgültig im Schwarzwald angelangt: Prächtige Höfe, in denen das erste Licht angeht, ein üppiger Rosengarten, den ein trauernder Witwer im Gedenken an seine Frau angelegt hat, die Katze, die sich zwischen unseren Beinen hindurchschlängelt und gestreichelt werden will. 
 
Und dann ist sie da: Zunächst im Widerschein der leuchtenden Wiesen auf dem Feldberg und schließlich in gleißender Pracht direkt vor uns über den Türmen der alten Klosterkirche von Sankt Peter. Ein Gefühl tiefer Dankbarkeit erfüllt mich: Wohl mancher schloss die Augen schwer / Und öffnet sie dem Licht nicht mehr / Drum freue sich, wer neu belebt / Den frischen Blick zur Sonn erhebt.
Wandergruppe beim Frühstück im Freien
 
Auf der Bergkuppe namens „Hochgericht“ wartet eine reichlich gedeckte Frühstücksdecke auf uns. Nein, ängstigend sei die Nacht nicht gewesen, sagen die beiden Freundinnen aus Mannheim, die bekunden, schon viel Dunkles und Helles gemeinsam durchlebt zu haben. Sie hätten eher ein Gefühl der Geborgenheit gehabt. „Die Nacht ist still und lässt mich in Ruhe.“
 
 
  

Dr. Detlef Lienau

Pilgerbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Baden