Coworking vernetzt Menschen

Glühbirne in einem Drahtgestell leuchtet in einen dunklen Raum

Politik & Gesellschaft

Nicht jede und jeder ist für das Homeoffice gemacht: Manche fühlen sich dort einsam. Eine innovative Arbeitsform gegen Einsamkeit im Homeoffice ist unter anderem das Coworking. Hierzu gibt es sogenannte Coworking-Spaces, offene Räume zur Zusammenarbeit. Auch die Evangelische Kirche in Karlsruhe eröffnete 2021 einen Coworking-Space. Diakon Daniel Paulus leitet das „Kairos13“. Im Interview erzählt er über das Arbeiten in Gemeinschaft.

Daniel Paulus im Coworking-Space
Diakon Daniel Paulus im "Kairos13"

Quelle: Knut Burmeister

Was ist Coworking?

Daniel Paulus: Coworking setzt sich aus den beiden Begriffen „Community“ und „Working“ zusammen. Es geht um Arbeiten in Gemeinschaft - jede und jeder an ihren bzw. seinen individuellen Projekten, mit dem gemeinsamen Ziel, die Welt etwas besser zu machen. Diese Arbeitsform ist grundsätzlich überall möglich.

Was macht „Kairos13“ zum Coworking-Space?

Daniel Paulus: Wir haben mit „Kairos13“ in Karlsruhe einen kirchlichen Ort geschaffen, wo Coworking möglich ist. Der Begriff „Kairos“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet der „perfekte Zeitpunkt“. In unserem Coworking-Space in der Nähe der Stadtkirche am Marktplatz bieten wir die perfekte Arbeitsinfrastruktur, wie flexible Schreibtische, freies Internet und eine gute Kaffeemaschine. Alle, die zu uns kommen, können – gegen eine Spende – unseren Coworking-Space nutzen. Unser Hauptaugenmerk liegt an der Vernetzung von Menschen, die an innovativen, wertebasierten Themen in den Bereichen Nachhaltigkeit, Soziale Verantwortung, Diversität und Inklusion, Glaube, Hoffnung & Liebe arbeiten - entweder als Startup, studierend oder freischaffend an Projekten.

Wie viele nehmen das Angebot wahr und wer kommt ins „Kairos13“?

Daniel Paulus: Es ist uns – trotz Corona – gelungen, eine Community von etwa 60 Personen aufzubauen. Diese nutzen regelmäßig und unregelmäßig „Kairos13“, z.B. ein mobil Arbeitender für ein Startup in Berlin oder eine Studierende vom KIT (= Karlsruher Institut für Technologie). Manche kommen auch nur alle paar Monate vorbei, immer wenn sie wieder mal in Karlsruhe sind. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es keine feste Gruppe, sondern eher eine flexible und fluide Community. Es ist jeden Tag neu spannend, wer heute durch die Tür kommt.

Ist Coworking mehr als ein Trend?

Daniel Paulus: Es geht gar nicht um Coworking an sich, sondern um die Kontaktfläche zu Menschen, die Coworking bietet. Natürlich kann dies in ein paar Jahren auch was anderes sein. Dennoch glaube ich, dass durch die Veränderung in der Arbeitswelt gerade Coworking gefragter sein wird, denn je. Denn auch nach Corona liegt die Zukunft nicht allein im Homeoffice. Bei allen digitalen Errungenschaften mobilen und hybriden Arbeitens wird meiner Einschätzung nach der Wunsch nach analoger Nähe bei der Arbeit zunehmen. Vielleicht nicht unbedingt zu den eigenen Kolleg:innen im Betrieb vor Ort, aber zu einer Peergroup in einem Coworking-Space, der Raum schafft für Austausch und Begegnung, der Vernetzung, Inspiration und Neugier fördert. Sodass Menschen zunächst wegen ihrer Arbeitsfläche kommen, dann aber wegen der Community bleiben.
 
 
So schön kann Arbeit sein (Beitrag aus Himmel über Baden)
 

Sollten Kirchengemeinden Coworking-Räume anbieten?

Daniel Paulus: Ja, weil Kirche sich für Menschen interessiert und Coworking eine neue Kontaktfläche sein kann! Man erreicht Menschen, die bisher wenig oder gar nichts mit Kirche zu tun haben. Bei diesen Begegnungen kann ganz viel von dem, was Kirche ausmacht, entstehen: Gastfreundschaft und Willkommen sein, Wertschätzung und wahrgenommen werden, Ringen und Einstehen für gemeinsame Werte. Unser Coworking-Space ist wie ein großes Wohnzimmer, in dem persönliche Gespräche möglich sind: In diesem geschützten und vertrauensvollen Ort merke ich, dass ich als Seelsorger gefragt bin: Ab und zu kommt dann das eine oder andere existentielle Thema zur Sprache, beispielsweise bei einer Gründung oder anderen persönlichen Lebensthemen.
Blick in den Coworking-Space "Kairos13"
Das "Kairos13" in Karlsruhe

Quelle: Knut Burmeister

Wo gibt es bereits kirchliche Coworking-Spaces?

Daniel Paulus: Bisherig etablierte kirchliche Coworking-Spaces sind beispielsweise das Blau10 in Zürich, die Villa Gründergeist in Frankfurt, Steiler Berg in Halle/Saale und das café licht in Heidelberg. Daneben gibt es ganz viele lokale Erstinitiativen, z.B. ein Popup-Coworking für einmal im Monat im Gemeindehaus.

Wir als Kirchengemeinde wollen einen Coworking-Space starten. Was sind die ersten Schritte?

Daniel Paulus: Zunächst einmal besucht einen Coworking-Space in eurer Nähe und lasst euch inspirieren. Tauscht euch mit anderen kirchlichen Coworking-Spaces aus. Klärt für euch, warum ihr Coworking anbieten wollt. Sucht ihr vor allem neue Kontaktflächen oder geht es euch um eine Erhöhung der Auslastung eures Gebäudes? Seid euch von Anfang an bewusst: Es geht um einen Ort, bei dem sich Menschen treffen und gestalten wollen. Die Community ist das Herzstück des Coworking-Space. Um die Community muss sich dann auch gekümmert werden. Es geht nicht um das reine Vermieten von Büroflächen. Solltet ihr passende Räume in einem Gemeindehaus oder einer anderen Immobilie haben, plant mit den lokalen Bauverantwortlichen gemeinsam die nötigen Umbauschritte hin zu einem Wohlfühlort für Coworker:innen. Von Beginn an solltet ihr mit einer zielgerichteten Öffentlichkeitsarbeit das Interesse der potenziellen Community wecken.
 
(Die Fragen stellte Ulli Naefken)
 
 
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Daniel Paulus

Diakon mit Schwerpunkt Young Urbans und Coworking