Soll vorkommen: dass es regnet. Und ich bin halt eher der Schönwettersportler. Fahrrad fahren, Wandern, ein Spaziergang in den lauen Sommerabend – möglichst ohne das kühle Nass vom wolkenverhangenen Himmel. Aber: Kommt vor, dass es regnet. Macht auch nix. Sagte meine Mutter jedenfalls, wenn ich wegen ungewisser Wetterlage kneifen wollte: „Macht doch nix, wir sind doch nicht aus Zucker!“
Das stimmt, und drum ist auch nichts zu fürchten: Wenn es regnet und das Haupthaar wird feucht, zerfließen wir schon nicht und verschwinden wir nicht als Sirup in Abwasserkanälen.
Wir sind doch nicht aus Zucker. Für den gemeinen Christenmenschen gilt das auch. Von Dolce Vita ist nirgendwo die Rede, und Jesus rechnet uns – wenn es schon kristallin sein muss – eher dem Salz zu: „Ihr seid das Salz der Erde“. „Ihr seid der Zucker auf dem Streuselkuchen oder die Sahne auf der Torte“, sagt er nicht.
Aber schön wäre es doch, oder? Darf‘s nicht ein wenig Süße sein im Leben?
Der so sinnenfreundliche wie -freudige Dichter und Theologe Cyriakus Schneegass hat uns ein herrliches Liedlein hinterlassen, in dem es zuckersüß heißt: „An dir wir kleben, im Tod und Leben“ – und gemeint ist der „süße Jesus Christ“. Also: Zumindest hat unser traditionelles Liedgut einen beachtlichen Zuckergehalt. Im Evangelischen Gesangbuch ist es das Lied mit der Nummer 398: „In dir ist Freude in allem Leide“. Es wäre doch wirklich eine Freude, wenn es ab und an ein wenig Zuckerschlecken gäbe, Gummibärchen (die weißen!) für die Seele, einen himbeerroten Drops gegen Missstimmung und Herzenskälte, ein Riegelchen Schokolade gegen die Sprachlosigkeit.
Wenn ich – Herrn Schneegass ernst genommen – am süßen Jesus klebe, hab ich wenigstens ein wenig Anteil am Verzuckerten, und dann darf’s gegen alle protestantische Sauertöpfigkeit und gegen die allgemeine Lebensbitternis auch ab und an was Süßes geben. Ich will das mal gelten lassen und mich auf die Suche machen nach dem, was mundet, was den Gaumen kitzelt, was sich süß hervortut und auf der Zunge zergeht. Das mag wohl unernst sein, aber ich glaube nicht, dass, was köstlich ist, immer bloß „Müh und Arbeit“ sein muss, wie Luther den etwas missgestimmten Prediger Salomo übersetzt hat. Ab und zu mag, was köstlich ist, eben einfach köstlich sein, wie’s Vanilledessert, der grellbunte Lolli und das Süßholzgeraspele. Davon immer mal wieder was – und unsere Kirche könnte etwas attraktiver sein?
