Neue Energie für die Gemeindearbeit

Kirchen & Kunst
Klimaschutz kann auch inspirierend sein. Das zeigen erste Erfahrungen der Kirchengemeinden in Gengenbach und Reichartshausen.
Wenn man vor dem hochaufragenden Betonbauwerk der evangelischen Kirche in Gengenbach steht, ahnt man nicht, dass man gerade auf ein kleines Energiewunder blickt. „Ein feste Burg ist unser Gott“ – das berühmte Kirchenlied Martin Luthers inspirierte 1970 den Architekten beim Bau der Gengenbacher Kirche. Seit kurzem sorgt oben auf der „Burg“, hinter den Zinnen gut verborgen, eine moderne PVT-Anlage mit einer ausgetüftelten Steuerung über das Jahr verteilt für mehr Strom und Heizenergie, als die Kirchengemeinde für ihren laufenden Betrieb benötigt.
Am 1. Juli 2023 ist das Klimaschutzgesetz der Evangelischen Landeskirche in Baden in Kraft getreten. Es regelt, wie Gebäude, Dienstfahrten und Einkauf für die Kirchengemeinden klimaneutral werden können. Auf dem Weg zur Klimaneutralität, die bis 2040 erreicht sein soll, haben die ersten Kirchengemeinden schon gute Erfahrungen gesammelt. Zwei davon sind die evangelischen Gemeinden in Gengenbach und in Reichartshausen, die ihr vorbildliches Konzept auch bei den Energiewendetagen in Baden-Württemberg Ende September der Öffentlichkeit vorgestellt haben.
Ein Wort der Landesbischöfin zu den Energiewendetagen und zum Klimaschutzgesetz
Mehr Energie erzeugt als verbraucht
Die PVT-Anlage in Gengenbach ist eine Kombination aus Solarthermie und Photovoltaik. Sie nutzt die Solarenergie doppelt, um daraus Wärme und Strom zu gewinnen. Oben ist die Solarzelle, die Strom gewinnt, darunter verlaufen die Kollektoren für die Wärmegewinnung. „Man sieht unsere Anlage nur von oben, wenn man von den Bergen auf die Kirche schaut, von unten sieht man sie auf unserem Flachdach nicht“, erläutert Pfarrer Moritz Martiny. „Auch die Umstellung auf die neue Anlage war weit weniger aufregend für uns als Gemeinde, als ich gedacht habe. Da stückchenweise umgebaut werden konnte, hatten wir nie die Situation, dass wir keine Heizung hatten. Und die Bedienung ist über den Computer ganz einfach.“
Was für den Pfarrer als „Nutzer“ eher unaufgeregt wirkt, war allerdings ziemlich knifflig für den Ingenieur, der den von der Landeskirche 2018 ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen hat und das Konzept erarbeitete. Das Hauptproblem seien die zwei Heizkurven, so Martiny. Denn das Gemeindehaus im unteren Stockwerk des Gebäudes müsse die ganze Woche über eine gewisse Grundtemperatur halten, während der Kirchenraum im oberen Stockwerk nur einmal in der Woche beheizt werden muss, dann aber mit hoher Leistung. Außerdem musste man auch aus Kostengründen vorhandene Gegebenheiten nutzen. Beispielsweise wird der alte Heizöltank außerhalb der Kirche nun als Raum für den Pufferspeicher genutzt. An sehr kalten Tagen hilft eine Gastherme mit, dass es warm wird.

Flexibles Raumkonzept in der evangelischen Kirche Reichartshausen
Neues Raumkonzept
Auch in der evangelischen Kirche in Reichartshausen ist der Umstieg von der alten Ölheizung auf eine Luft-Wärme-Pumpe für die Menschen der Gemeinde eher unauffällig verlaufen. Auffallend ist allerdings der Umbau des Kirchenraums, in den nun der Gemeinderaum unter der Empore integriert ist. Durch eine Glaswand kann der etwa 50 m2 große Raum abgetrennt werden. Da in der Kirche nun Stühle statt Bänke stehen, ist der ganze Kirchenraum flexibel nutzbar. „Der integrierte Gemeinderaum ist zwar deutlich kleiner als der Raum, den die Gemeinde bisher im Keller der evangelischen Kita als Gemeinderaum genutzt hat, aber dafür wesentlich heller und freundlicher“, so Pfarrerin Susanne Zollinger.
Im Sommer kann die Glaswand zur Seite geschoben und der ganze Raum für Veranstaltungen genutzt werden. Im Winter sollen alle Veranstaltungen möglichst im Gemeinderaum stattfinden, der über eine energiesparende Deckenheizung erwärmt wird. Im Gemeinderaum finden bereits jetzt Kirchenkaffee, Konfirmandenarbeit und Gremiensitzungen statt. Die Nutzung als Gottesdienstraum wird in diesem Winter das erste Mal erprobt.
„Die Kirche und die Gemeinde haben sehr viel gewonnen durch den Umbau“, ist Pfarrerin Susanne Zollinger überzeugt. „Wir müssen kein weiteres Gebäude mehr bespielen, alles findet zentral in der Kirche statt. Die Atmosphäre, die von diesem neuen Raumkonzept ausgeht, bedeutet einen großen Mehrwert und inspiriert uns zu neuen Ideen für die Gemeindearbeit. Und keine fossile Energie mehr zu nutzen, fühlt sich gut und richtig an.“
Die neuen Heizstrategien in Gengenbach und Reichartshausen wurden durch das CO2-Minderungsprogramm der Landeskirche mitfinanziert. Infos dazu unter: www.ekiba.de/co2minderung