„Ich arbeite bei der Kirche ….“ – Vom Berufseinstieg als Pfarrerin

Pfarrerin Anna-Maria Semper

Bildung & Beruf

Sie kommt aus Berlin. Ihre ersten Erfahrungen als Pfarrerin macht sie jetzt in einem kleinen Weindorf am Kaiserstuhl. Passt das zusammen? Ja! Das zeigt ein Besuch bei Anna-Maria Semper in Bahlingen. 

Wir treffen uns vor dem Pfarrhaus. Sie kommt gerade von einer Besprechung für den Gottesdienst am Sonntag. Der findet im Rahmen des großen Dorffestes nicht in der Kirche, sondern im Kastanienhof eines Gasthauses statt. „Das machen wir das erste Mal. Wir mussten überlegen, wo die Leute sitzen und wo der Altar steht. Jetzt haben wir eine gute Lösung gefunden. Ich freue mich darauf.“
 
Anna-Maria Semper ist seit März 2022 Pfarrerin in Bahlingen am Kaiserstuhl. Pfarrerin im Probedienst. Was heißt das? „Das werde ich oft gefragt. Ich sage dann: das ist meine erste Pfarrstelle und deshalb ist es gut, wenn man ein bisschen Unterstützung hat und gerade im Bereich Geschäftsführung und Finanzen noch nicht alles allein machen muss, zum Beispiel plötzlich große Geldsummen verwalten. Und dass es eine Stelle ist, um sich auszuprobieren, wo klar ist, man macht vieles zum ersten Mal.“

Die Anfangszeit

Blick über Bahlingen am Kaiserstuhl
Blick über Bahlingen am Kaiserstuhl
Die ersten Tage von Anna-Maria Semper in Bahlingen sind geprägt vom Ausbruch des Krieges in der Ukraine. Und davon, dass sie von Anfang an keine Unbekannte ist, wenn sie im Dorf unterwegs ist. In der Woche bevor sie ins Pfarrhaus eingezogen ist, erscheint im Ortsblatt ein kleiner Artikel über sie, mit Foto. „Ständig sprachen mich Leute an: ‚Ah, Sie sind doch die neue Pfarrerin, oder? Ich habe ihr Foto im Blättle gesehen.‘“
 
 
Dann kommt die erste Beerdigung. „Der Witwer sagte zu mir: ‚Schön, dass Sie jetzt da sind und die Beerdigung meiner Frau übernehmen. Das wird aber keine große Beerdigung.‘ Keine große Beerdigung – von dem, was ich aus dem Vikariat und im großstädtischen Kontext kannte, heißt das: da kommen höchstens 20 Leute. Dann komme ich aus der Sakristei und es sitzen da – für mein Empfinden - wahnsinnig viele Menschen, mindestens 80. Puh, dachte ich. Inzwischen wundere ich mich nicht mehr. Manchmal sitzen da auch 150 Leute oder mehr. Die Anteilnahme ist sehr groß. Beerdigungen werden sehr wahrgenommen, sie haben Gewicht.“  
 
Zum ersten Mal lebt Anna Maria Semper in einem Dorf. Von Berlin über Mannheim und Karlsruhe-Durlach an den Kaiserstuhl. Sie lacht: „Ja, es wurde immer kleiner und immer südlicher.“ War das eine bewusste Entscheidung? „Ich fand den Gedanken reizvoll, Pfarrerin auf dem Dorf zu sein. Und ich dachte, diese zwei Jahre Probedienst, das ist eine gute Zeit, um das mal auszuprobieren. Wenn man dann merkt, es passt nicht, dann kann man sich ja immer noch umorientieren.“
 
Anna-Maria Semper ist schnell angekommen im Dorf. „Für mich hat es sich in einer rasanten Geschwindigkeit entwickelt. Hier ist so eine brodelnde Dorfgemeinschaft und man rutscht da als Pfarrerin ganz schnell rein.“ Das kann ich bei meinem Besuch erleben. Am Abend schlendern wir noch durch Bahlingen. Auf den Straßen und in den Höfen laufen die Vorbereitungen für das Dorffest auf Hochtouren. Wo wir hinkommen, wird die Pfarrerin fröhlich begrüßt, will man mit ihr anstoßen, freut man sich auf das bevorstehende Festwochenende.

Das Fest

Vieles erlebt Anna-Maria Semper zum ersten Mal, an diesem Wochenende auch das Bahlinger Hoselipsfest. Benannt nach der Symbolfigur der Bahlinger Winzer wird es seit 1972 von den Vereinen im Ort ausgerichtet. Fester Bestandteil ist auch der Raclette-to-go-Verkauf der Kirchengemeinde, gemeinsam mit dem CVJM. Die Pfarrerin ist für die Schicht an der Kasse eingeplant.
Besucher*innen beim Dorffest
Besucher*innen beim Hoselipsfest 2023
    
 
Für Anna-Maria Semper beginnt der Tag mit der Konferenz der Grundschule zum neuen Schuljahr. Sie wird wieder die Klassen 1-3 unterrichten. Am Nachmittag folgt eine „große“ Beerdigung. Danach bereitet sie die Segnung eines Paares am nächsten Tag vor. Dann ist es 18.00 Uhr, das Fest beginnt.
„Das Hoselipsfest war auch in der Stellenbeschreibung als ein überregional bekanntes Fest erwähnt. Ich dachte: Ah, da gibt‘s eine lebendige Dorfgemeinschaft und viele Leute, die sich in Vereinen engagieren. Da sind Menschen, die wohnen da nicht nur, um zur Arbeit zu pendeln und kommen dann wieder zurück, sondern die füllen den Ort mit Leben. Die haben Interesse daran, dass da was passiert, die wissen voneinander und haben auch ein Auge aufeinander. Das war meine Vorstellung, die gefiel mir gut.“

Die Zukunft

Gibt es auch etwas, das sich die junge Pfarrerin anders vorgestellt hat? „So eine Woche ist immer wahnsinnig bunt und voll. Das ist schön, und gleichzeitig muss man sich schon sehr bewusst die Zeit nehmen, um mal zur Ruhe zu kommen und auch geistlich aufzutanken. Ich habe schon das Gefühl, man ist immer gefragt. Es ist sehr viel mehr als im Vikariat.“ Was ihr hilft? „Die Erfahrung, es klappt irgendwie. Und dass die Menschen mir hier mit so viel Respekt und Wertschätzung begegnen, mir die Rückmeldung geben: ‚Sie machen das gut.‘ Oder: ‚Ich nehm was mit aus ihren Predigten.‘ Das macht richtig Mut.“
 
Was erwarten und brauchen die Menschen von der Kirche? „Ich habe den Eindruck, es gibt ein großes Bedürfnis nach Verlässlichkeit, zu wissen: im Zweifel ist jemand da für mich und dieser jemand hat auch ein Gesicht, das ist jemand, von dem ich zumindest grob weiß, wer das ist. Man muss auch nicht auf alles die Antwort wissen. Wichtig ist, dass man miteinander sucht und Fragen stellt.“
Anna-Maria Semper ist innerhalb eines Jahres in Bahlingen zu diesem Gesicht geworden. Und sie will auch über den Probedienst hinaus in Bahlingen bleiben. „Ja, wir arbeiten darauf hin.“ Sie schmunzelt: „Probedienst ist die Gelegenheit, um Leuten, die jetzt neu in den Beruf einsteigen, das Dorfpfarramt schmackhaft zu machen. Bei mir hat das auf jeden Fall funktioniert.“  
 
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