Streit ums Heilige Land

Jerusalem

Eine Einschätzung von Wolfgang Schmidt

Die schrecklichen Nachrichten vom massenweisen Morden der Terrororganisation Hamas haben uns erschüttert und zutiefst empört. Die Bilder vom Sterben der Menschen in Gaza und andernorts sind schrecklich. Wolfgang Schmidt war von 2012 bis 2019 Propst an der Erlöserkirche in Jerusalem. Lesen Sie hier seine Gedanken zu den Ereignissen in Israel und zum Nahostkonflikt.

Man kann eigentlich nur schweigen angesichts der jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten. Für die schrecklichen Taten der Hamas gibt es nicht die geringste Rechtfertigung. Für die vielen zivilen Opfer in Gaza und in der Westbank auch nicht. Aus dem Streit ums Heilige Land ist ein Krieg geworden. Und die unerbittlichen Auseinandersetzungen sind nicht dort in der Region geblieben. Sie strahlen aus auf die Welt. In Berlin versuchen Unbekannte eine Synagoge in Brand zu setzen. In den arabischen Großstädten der Welt demonstrieren Zehntausende und verbrennen Israel-Fahnen. In anderen Gegenden werden palästinensische Flaggen verboten. Und auch uns hat es ergriffen. Menschen hierzulande betrauern nicht einfach die Entwicklungen oder diskutieren sie. Sie attackieren sich gegenseitig, unterstellen sich gegenseitig böse Absichten oder zumindest, der falschen Seite anzugehören. In einer derart aufgeheizten Situation gibt es keine vernünftige Auseinandersetzung mit einem solch komplizierten Thema wie dem Nahostkonflikt. Der Streit uns Heilige Land spaltet die Menschen. Und er spaltet auch uns, wenn wir uns nicht mit aller Kraft bemühen, im Austausch und Gespräch zu bleiben zwischen den verschiedenen Sichtweisen auf den Konflikt.
 
Warum bekommen wir eigentlich so schnell eine dünne Haut, wenn es um Nahost geht? Es gibt Konflikte in dieser Welt, die viele gar nicht wahrnehmen und nur ein paar Spezialisten wissen wirklich gut darüber Bescheid. Doch beim Nahostkonflikt redet jeder mit. Woher kommt unser besonderes Interesse an dieser Region? Warum reisen jedes Jahr mehr als 200.000 Deutsche ins Heilige Land? Unter den zahlreichen Gründen, die man nennen könnte, möchte ich vier Gründe ein wenig beleuchten.
 
  1.  Die südliche Levante, das Gebiet, in dem heute Israel und Palästina liegen, ist uns seit Kindergartentagen bekannt: Jesus, der die Fischer sammelt am See Genezareth; der Garten Gethsemane, in dem er seine letzten Stunden verbringt; Jericho, dessen Mauern unter den Posaunen der Israeliten einbrechen oder Bethlehem, wo die Krippe stand. Diese Namen kennt man seit den ersten Religionsstunden. Das Heilige Land kennen wir aus der Bibel, anders als China, Guatemala oder Burundi. Das Heilige Land hat irgendetwas mit unserem Glauben und mit unserer Religion zu tun. Es ist uns nicht egal, was dort geschieht.

  2. Es ist uns auch darum nicht egal, weil die Wiege des Christentums im Heiligen Land steht. Bevor es irgendwo auf der Welt Christen gab, gab es sie in dieser Region. Und es gibt sie noch heute dort. Etwa 200.000 von ihnen sind Palästinenser. 2016 konnte ich die katholische, die griechisch-orthodoxe und die baptistische Gemeinde in Gaza besuchen. Damals waren sie noch rund 1200 Christen, heute wohl kaum noch die Hälfte. Die schwierige Lage, der Christen im Heiligen Land heute ausgesetzt sind, kann uns nicht kalt lassen. Das Christentum ist in dieser Region eine lebendige Religion und mit den Kirchen dort sind wir verbunden wie Glieder an einem Leib – mit ihren Freuden und ihren Schmerzen.

  3. Schließlich ist es uns auch nicht egal, was dort geschieht, weil uns das Judentum nicht egal ist. Juden und Christen glauben an denselben Gott. Jesus hat ihn seinen Vater genannt. Wer Christus folgt, glaubt an den Gott Israels. Mit „Israel“ ist hier nicht der heutige Staat gemeint. Aber völlig ohne Zusammenhang mit diesem ist der Name auch nicht, obwohl dies sicher eines der schwierigsten Kapitel der Theologie ist.

  4. Und dann zu guter Letzt vielleicht das Wichtigste: Dass Juden in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu Hunderttausenden in Palästina Schutz und Rettung suchten, dass sie dort einen Staat gründeten, dass etwa 700.000 Palästinenser infolgedessen flohen und vertrieben wurden und bis heute völkerrechtswidrige Umstände das Leben in der Westbank dominieren – das hat unmittelbar mit dem verbrecherischen Wahnsinn des Nationalsozialismus in Deutschland zu tun. Wie könnten uns die Langzeitfolgen dieser Geschichte egal sein? Das Pulverfass, dessen Explosion wir gerade erleben, haben unsere Vorfahren mit befüllt und die europäische und die amerikanische Politik haben in den vergangenen Jahrzehnten viel zu wenig unternommen, es wieder zu leeren.
Aus den genannten und vielleicht noch aus anderen Gründen ist es uns nicht egal, was zwischen Mittelmeer und Jordan passiert. Doch der Konflikt ist kompliziert. Schnelle und einfache Erklärungen sind zu simpel. Wer also wirklich etwas davon begreifen will, muss informiert sein. Das ist das Erste, was man sich von der Beschäftigung mit dem Thema erwarten darf. Während meiner sieben Jahre als Propst an der Erlöserkirche in Jerusalem hatte ich manches Gespräch mit einer Reisegruppe, bei dem die Teilnehmer mir sagten: „Ich gehe verwirrter davon, als ich gekommen bin.“ Das muss uns nicht wundern. Aus der Ferne hat man immer ein klares Bild von den Dingen. Setzt man sich näher damit auseinander, wird das Bild differenzierter. Wir müssen uns informieren.
 
Dabei sollten wir dann allerdings auch nicht vergessen, dass jede Information ihren Hintergrund und ihren Zusammenhang hat. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen. Es geht um die Bezeichnung des Landstrichs, den ich „Heiliges Land“ nenne. Da ist natürlich im Westen zunächst der Staat Israel in den Grenzen der Waffenstillstandslinie von 1967. Aber was schließt sich daran östlich bis zum Jordan an? Palästina? Die Westbank? Je nachdem, wie sie diesen Landstrich nennen, haben Menschen ein unterschiedliches Konzept im Hintergrund, ein unterschiedliches Narrativ, wie man auch sagt, eine Erzählung, die sie leitet. In Israel nennt man das Gebiet zum Beispiel häufig „Judäa und Samaria“. Das sind biblische Begriffe. Und wer diese benutzt, will sagen: „Das war doch schon das Land des Volkes Israel in biblischer Zeit. Daran knüpfen wir heute an. Darauf haben wir einen ewigen Anspruch.“ Andere sprechen von den „palästinensischen Gebieten“. Diese Formulierung bezieht sich auf die Verträge von Oslo und deren Aufteilung des Landstrichs in A-, B- und C-Gebiete. In Israel lässt man inzwischen schon manchmal den Zusatz „palästinensische“ weg und spricht einfach von „Gebieten“ oder man sagt „umstrittene Gebiete“ um zu betonen, dass es von palästinensischer Seite keine berechtigten Ansprüche auf das Gebiet gibt. Der Gegenbegriff ist „besetzte“ Gebiete. Diese Bezeichnung nimmt Bezug auf die israelische Militäverwaltung und -gesetzgebung, wie sie den Status dieser Gebiete und den Alltag der Palästinenser charakterisiert. Wieder andere sagen einfach „Palästina“ und beziehen sich dabei auf einen Staat, den es so noch nicht gibt, der aber bei der UN einen Beobachterstatus hat und inzwischen immerhin von über zwei Dritteln der UN-Mitgliedsstaaten anerkannt wurde. Es gibt aber auch Palästinenser, die haben beim Gebrauch des Begriffs „Palästina“ das gesamte Gebiet zwischen Mittelmeer und Jordan vor Augen, so wie es vor der Staatsgründung Israels im Osmanischen Reich und unter britischem Mandat bestand. Wenn diese von „Palästina“ sprechen, dann bestreiten sie wiederum Israel das Recht auf ein Staatsgebiet in den Grenzen von 1967. Und so gibt es auch die verschiedensten Landkarten, manche akkurat mit Grenzziehungen, andere die diese weglassen und das Ganze einfach Israel nennen oder eben das Ganze Palästina nennen. Hinter jeder Landkarte steht ein entsprechendes Narrativ, eine Sicht der Dinge, die sich von einer anderen abgrenzt.
 
Was ist also die richtige Bezeichnung? Es gibt sie nicht. Jede Bezeichnung hat einen Bezugsrahmen, der mitgedacht ist. Auch der Begriff Heiliges Land. Da wird es den guten Protestanten geben, der sagt „Außer Gott ist nichts heilig. Ein heiliges Land kann es nicht geben: Denn wenn wir anfangen religiöse Terminologie mit Geographie zu vermischen, als ein Land „heilig“ nennen, dann ist dem religiösen Fanatismus Tor und Tür geöffnet“. Ich selbst gebrauche den Begriff aus zweierlei Gründen. Erstens vermeidet er die Stolperfallen, die ich eben alle benannt habe. Ich weigere mich, einer bestimmten Seite zugeordnet zu werden. Ich stehe für universale Inhalte ein – egal auf welcher Seite. Und zum zweiten spreche ich vom Heiligen Land, um deutlich zu machen, dass wir als Christen eine Beziehung dahin haben, weil Jesus dorther kommt und seit den ersten Tagen der Kirchengeschichte Christen dort eine Heimat haben und bis heute haben und wir sie zu unterstützen haben in ihrer schwierigen Lage. Nicht nur Christen machen übrigens darauf aufmerksam, wie wichtig ihre Präsenz im Nahen Osten für die Gesellschaften sind. Sie öffnen das Tor zum Pluralismus, der aus einem kontroversen Gegenüber von Juden und Muslimen bzw. einer rein muslimischen Gesellschaft in vielen arabischen Staaten einer Diversität des Glaubens und der Weltanschauung Präsenz verleiht.
 
Ich komme wieder zurück zu der Frage, mit welcher Absicht wir uns eigentlich mit dem Konflikt um Israel und Palästina beschäftigen. Ja, wir wollen informiert sein. Aber nicht nur das. Das Leid berührt uns. Es sind die Menschen, die uns rühren mit ihrem Leben, das vom Konflikt belastet ist. Sie liegen uns am Herzen. Gerade jetzt, gerade in diesen Tagen spüren wir das besonders. Es geht darum, Solidarität zu zeigen mit den Opfern des Konflikts – auf beiden Seiten gleichermaßen. In einem vielbeachteten Buch widmet sich die Journalistin Charlotte Wiedemann diesem Thema der Anteilnahme am Leiden der Anderen. „Den Schmerz der Anderen begreifen“ ist der Titel. Das ist Programm für Wiedemann. Sie schaut dazu auf die Kolonialgeschichte, nicht nur auf die deutsche. Sie schaut auch auf den Holocaust und auf die Nakba. Und sie macht deutlich, wie unangemessen es ist, den einen oder den anderen Schmerz gegeneinander zu setzen, zu vergleichen oder womöglich gegeneinander auszuspielen. Der Weg zu Wandlung und Veränderung geht über das Begreifen des Schmerzes, der den Anderen zugefügt wurde und wird. Diesen Schmerz sehen, diesen Schmerz anzuerkennen, öffnet den Weg der Heilung. Das haben wir beim Holocaust gesehen. Für die Nakba, die Vertreibung von Hunderttausenden von Palästinensern um 1948 herum steht dies noch weithin aus.
 
Warum also beschäftigen wir uns mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt? Wir wollen informiert sein. Wir wollen Anteil nehmen. Und schließlich drittens: Wir wollen vielleicht doch in irgendeiner Weise zum Frieden beitragen. Unter den sechzig Reisegruppen, die ich durch das Jahr hindurch an der Erlöserkirche in Jerusalem zum Gespräch empfing, war kaum eine, in der es nicht Fragen zu den Friedenschancen gab. Wir wollen nicht aufgeben, zu hoffen. Auch wenn es noch so bedrückend ist, was wir aus Israel, aus Gaza und aus dem Westjordanland hören. Wir wollen nicht aufhören zu hoffen, dass sich etwas bessert, dass sich etwas zum Guten wendet. Und tatsächlich gibt es ja eine ganze Anzahl von Initiativen, die sich für Aussöhnung, Frieden und für die Einhaltung der Menschenrechte engagieren. Doch dieses Engagement wird vom Ausland aus oft überbewertet. Gesamtgesellschaftlich handelt es sich um kleine Gruppen, die oft unter Druck der Regierung stehen. Das gilt übrigens nicht nur in Israel, sondern auch in Palästina. Es ist überflüssig zu sagen, dass all denen, die sich hier engagieren, durch die jüngsten Ereignisse der Boden entzogen ist.
 
Ich erinnere mich an einen gemeinsamen Studientag von Palästinensern, Deutschen und Juden aus Israel und Deutschland. In der Eingangsrunde sollten wir die Frage nach unseren Erwartungen beantworten, die wir für das Seminar hatten. Rabbi Moshe Silver aus Jerusalem sagte einen Satz, den ich mir gemerkt habe: „How can I be fruitful in a situation that never changes? Was kann ich beitragen, wie kann ich fruchtbar wirken, in einer Situation, die sich niemals ändern wird?“ Das war seine Leitfrage. Rabbi Silver schaut realistisch auf die Lage. Er macht sich keine Illusionen. Er weiß, dass sich der Konflikt, der seit über acht Jahrzehnten andauert, nicht schlagartig ändern wird. Aber er schaut, er sucht danach, wo und wie er selbst einen – und wenn auch noch so kleinen – Beitrag leisten kann, um etwas Konstruktives beitragen zu können. Wo kann ich einen Unterschied machen? … und sei er noch so klein! „Ich bin kein Optimist“, sagt der langjährige evangelische Pfarrer von Bethlehem und heutige Präsident der Dar-el Kalima Universität, Pfr. Dr. Mitri Raheb. „Ich bin kein Optimist, aber ich habe Hoffnung“. Wer hofft, gibt die Welt nicht auf. Wer hofft, gibt die Menschen nicht auf. Wer hofft, hält ein Fenster offen, wo die Zukunft verbaut ist.
Hoffen und beten sind die Wege, die uns als Christen gut anstehen. Wo wir selbst schon nichts ausrichten können, nehmen wir die Menschen in unser Gebet. Wir verbinden uns mit ihnen vor Gott. Das werden wir ja auch weltweit am ersten Freitag im kommenden März tun. Der Weltgebetstag der Frauen wurde von den christlichen Frauen in Palästina vorbereitet. Wir sind eingeladen, ihre Hoffnung und ihr Gebet zu teilen und dieses geistliche Geschehen aus dem Streit herauszuhalten, der sich vom Heiligen Land aus, auch auf unsere Gesellschaft immer wieder ausbreitet. Wir stehen ein für Gerechtigkeit und Menschenliebe, nicht für die eine oder die andere Seite.
 
Was ich in den Jahren in Jerusalem gelernt habe, ist der Verzicht auf pauschale Urteile. DIE Palästinenser gibt es nicht, genauso wenig wie DIE Israelis. DIE Juden gibt es so wenig wie DIE Muslime. Wen meinen wir konkret, wenn wir über die Beteiligten sprechen? Meinen wir die Regierungen, die Armee, die Religiösen oder die Säkularen oder die religiösen Zionisten, meinen wir Judentum als Religion oder als Ethnie?
 
Und noch etwas habe ich in den sieben Jahren gelernt: Bescheidenheit und die Bereitschaft, Ambivalenz und Hilflosigkeit zuzulassen. Ich bin skeptisch geworden gegenüber jenen, die die Lösung zu wissen meinen. Jeden Tag habe ich Neues, Unerwartetes erlebt, was meine Selbstgewissheit in Frage gestellt hat. In diesem Konflikt sind so viele Interessen im Spiel – auf allen Seiten!
 
Doch eines soll das nicht hindern: Gerechtigkeit stark zu machen und sich zu verbinden mit denen, die ihrerseits die Gerechtigkeit stark machen, seien sie Juden oder Christen oder Muslime, seien sie Juden oder Araber oder Europäer. Denn als Christen glauben wir, dass der Mensch zum Bilde Gottes geschaffen wurde. Das ist die Quelle der Gerechtigkeit.
 
 
Manuskript eines Vortrags in Heitersheim am 19.10.2023 im Rahmen einer Veranstaltung zum Dialogweg Israel-Palästina, den die Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden im April 2022 initiiert hat.
Mehr dazu unter www.dialogweg.de