Als sähe ich Gottes Angesicht - Impuls zur vermeintlichen Logik von Krieg und Gewalt

Graffiti Text: please no more war

Dr. Cornelia Weber

Die Welt ist zerrissen – und das zerreißt auch mich. Seit 1 ½ Jahren der Krieg in der Ukraine – und es ist kein Ende abzusehen. Die Vertreibung der Armenier aus Bergkarabach – als Folge eines jahrhundertealten Konflikts. Und nun seit über 14 Tagen die furchtbaren Bilder der Überfälle auf israelische Zivilsten durch die Hamas – und die Sorge um die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen, die den Bombardements sowie Hunger und Epidemien ausgeliefert ist. Was für schreckliche Zeiten.
 
Mitten in diese zerrissenen Zeiten hinein möchte ich die alte Geschichte von Jakob und Esau neu erzählen. Denn bei allem Neid und aller Eifersucht zwischen den Brüdern, der tiefen Angst vor- und dem noch tieferem Hass gegeneinander, steht gerade über dieser Brüdergeschichte Gottes Segen.
 
Jakob und Esau sind die Söhne von Isaak und Rebekka. Der eine kräftig und unerschrocken, eindeutig der Liebling des Vaters. Der andere zart und eher ängstlich, aber der Lieblingssohn der Mutter. Eine schwierige Familienkonstellation. Keine familiäre Vorzeigegeschichte, aber wahr. Wahr in dem Sinne, dass sie erzählt, was Menschen gerade in engen Beziehungen immer wieder erleben: Neid, Missgunst, das Gefühl, benachteiligt zu sein, Hass, Streit, tiefe Verletzungen, Lebenswege, die sich trennen.
 
In der Geschichte von Jakob und Esau nimmt alles mit dem Wunsch nach Segen seinen Anfang. Jakob, der etwas Jüngere, will sich nicht damit abfinden, dass sein Bruder als Erstgeborener vom Vater gesegnet wird. Er erschleicht sich diesen Erstgeborenensegen und täuscht den Vater. Nicht gerade fein. Von Esau heißt es in der Bibel: Esau war Jakob gram um des Segens willen, mit dem ihn sein Vater gesegnet hatte, und er sprach in seinem Herzen: „Es wird die Zeit bald kommen, dass man um meinen Vater Leid tragen muss; dann will ich meinen Bruder Jakob umbringen.“ (1. Mose 27,41)
 
Rebekka hört mit und warnt Jakob vor Esaus Racheplänen. Jakob ahnt, welch tiefe Wut und Verletzung in Esau stecken. Er kennt dessen Kraft und Entschlossenheit. Deshalb flieht er in die Fremde. Dort heiratet er, gründet eine eigene Familie, kommt zu Wohlstand. Aber eine echte Heimat findet Jakob nicht. Seine Schuld lastet die ganzen Jahre schwer auf ihm. Schließlich macht sich Jakob auf den Weg zurück, voller Sehnsucht, aber auch voller Angst im Herzen, dass Esau sich für alles rächen wird. 
 
Dann steht Jakob auf der einen Seite des Flusses, auf der anderen Seite sieht er Esau heranziehen. Schnell wird klar: Beide haben Angst voreinander. Jakob schickt Esau Geschenke entgegen. Er hofft, dass er seinen Bruder so ein bisschen besänftigen kann. Doch die Boten kommen zurück und berichten ihm, dass Esau sich mit 400 Mann umgeben hat. Jakob reagiert sofort mit militärischer Gegenstrategie und teilt seine Familie und seinen Besitz in mehrere Lager: „Wenn Esau über das eine Lager kommt und macht es nieder, so wird (wenigstens) das andere entrinnen.“ (1. Mose 32,9). Tief sitzt die Angst vor seinem Bruder und auch die Überzeugung, dass Esau ihn vernichten will. Deshalb kann er nur strategisch und letztlich in Kriegslogik reagieren.
 
Doch als Jakob Esau dann begegnet, setzt alles strategische Denken aus. Jakob fällt vor seinem Bruder auf die Knie – sieben Mal. Noch immer weiß er nicht, was geschehen wird. Aber Esau läuft ihm entgegen, er fällt ihm um den Hals und küsst ihn. - „Und sie weinten, “ heißt es in der Bibel (1. Mose 33,4).  
 
Was für eine Geschichte! Eine Geschichte, in der wir die Spannungen und die Feindschaft zwischen Menschen wiedererkennen, aber auch die Spuren Gottes finden. Denn mitten in dieser Geschichte von Schuld und Hass, von Angst und Bedrohung leuchtet die Menschenfreundlichkeit Gottes auf. Mit einem fast unscheinbaren Satz beschreibt das die Bibel. Als Esau die Geschenke Jakobs sieht, will er diese nicht haben und will sie Jakob zurückgeben. Doch Jakob sagt: „Ach nein! Habe ich Gnade gefunden vor dir, so nimm mein Geschenk von meiner Hand; denn ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht, und du hast mich freundlich angesehen.“ (1. Mose 33,10)
Voller Angst und tiefer Schuldgefühle geht Jakob seinem Bruder Esau entgegen. Doch gerade in seinem Bruder Esau, an dem er so tief schuldig geworden ist, begegnet er letztlich dem Angesicht und der Menschenfreundlichkeit Gottes. 
 
In diesem einen Satz blitzt etwas auf, was mich tief berührt: Es ist der Mensch, mit dem ich mein Leben teile und mit dem ich mich streite, an dem ich schuldig geworden bin und vor dem ich Angst habe - gerade in ihm begegnet mir Gottes Angesicht. Denn es ist Gott, der mir nicht aus dem Weg geht, dort, wo ich schuldig geworden bin. Im Gegenteil: Auch er macht sich auf den Weg zu mir. Dort, wo ich selbst meiner Schuld und meiner Angst entgegengehe, mich endlich traue, ihr wirklich ins Gesicht zu schauen, dort zeigt sich mir Gott selbst. Wo ich die Logik von Gewalt und Gegengewalt aufgebe und wo ich mich traue, auf diese vermeintliche Stärke zu verzichten, da öffnen sich neue Wege und eine Zukunft, von Gott geschenkt.
 
 
Mir hilft der Blick in die Bibel, wenn ich auf die Zerrissenheit und die Kriege dieser Welt schaue. Denn auch hinter Jakob und Esau stehen zwei Völker, die miteinander um die Vorherrschaft ringen. So heißt es schon in der Verheißung der Zwillingsgeburt an ihre Mutter Rebekka: Zwei Völker sind in deinem Leibe, und zweierlei Volk wird sich scheiden aus deinem Schoß (1. Mose 25,23). Von Anfang an steht also der Streit, das Misstrauen und das Ringen um die Herrschaft über der Geschichte von Jakob und Esau. Das Ringen zwischen den verfeindeten Brüdern wird unerwartet gelöst. Die Bibel selbst setzt hier leise Töne gegen den lauten Streit. In eine Geschwistergeschichte verpackt entwirft die biblische Geschichte einen Gegenentwurf gegen Gewalt, Terror und Krieg. Wenn ich mit Gottes Hilfe in dem anderen Menschen, in dem anderen Volk, ja, selbst in dem ärgsten Feind, zunächst das Angesicht der Menschenfreundlichkeit Gottes erblicke, kann es zu einer heilsamen Unterbrechung kommen.
 
An dieser Hoffnung auf heilsame Unterbrechung der vermeintlichen Logik von Gewalt und Krieg, die unsere Zeit so sehr beherrscht, will ich mit der Geschichte von Jakob und Esau neu festhalten – gerade jetzt. Und neu hören auf das, was Gott selbst uns Menschen doch zuspricht: Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung! (Jeremia 29,11).