„Mutig, vernetzt und ermöglichend“ - So ist die Zukunft der Kirche

Balancieren auf Slackline

Bei allen Umbrüchen und Aufbrüchen in der Gegenwart, den Kriegen und der Klimakrise, wie wird da die Zukunft der evangelischen Kirche aussehen? Anna-Nicole Heinrich (Präses der EKD-Synode) beschreibt bei ihrem Besuch der Landessynode in Bad Herrenalb die Kirche der Zukunft mit dem Bild der Slackline. 

Eine Slackline ist ein LKW-Gurt, gespannt zwischen zwei Bäumen: „Und wir als Kirche befinden uns da mitten drauf. Es schwankt ein bisschen. Wenn man fällt, sind da immer Freunde, die einem wieder helfen aufzustehen.“ Verankert sei die Slackline einerseits am Baum der Tradition und andererseits am Baum der Verheißung, auf den man auf der Slackline zulaufe. „Beim Schlingern, Wackeln, Tasten, Runterfallen und Wiederaufstehen hilft es manchmal, sich auf einen festen Punkt zu konzentrieren, sowas wie ein Fixpunkt, eine Zielvorstellung - vielleicht auch nur eine Traumvorstellung.“ Und auf diesem Weg befänden wir uns als Kirche, so Heinrich: „Wir dürfen mal straucheln, aber vor allem dürfen wir nie den Mut verlieren, immer wieder draufzusteigen.“ 

Veränderung wagen

Die Bibel erzähle auch immer wieder davon, dass Menschen losgehen, aufbrechen und Altes zurücklassen, führt Anna-Nicole Heinrich aus: „Das sollte uns gerade in unseren kirchenentwicklerischen Fragen doch bestärken. Die Bibel ist voll von Geschichten der Veränderung, der Umkehr, des Neuanfangs. Von einem Gott, der Mut zur Veränderung macht, der Menschen immer wieder in Neuaufbrüche schickt. Große Unsicherheit, keine hundertprozentige Garantie, manche denken, Gott hat sie verlassen. Aber trotzdem, in den ganzen biblischen Geschichten ist klar: Gott ist da!“ 
 
Anna-Nicole Heinrich
Anna-Nicole Heinrich, Präses der EKD-Synode.
Auf der Slackline sei stehenbleiben keine Option. Den anwesenden Landessynodalen macht sie Mut: „Trauen Sie sich echte Entscheidungen zu, die nicht immer allen gefallen werden. Messen Sie Ihre Entscheidungen an dem, was all unseren Kirchenmitgliedern dient, nicht nur den ,Hochverbundenen‘, der Kernklientel.“ Und dann wird sie deutlich: Menschen in kirchenleitender Verantwortung - auf allen Ebenen unserer Kirche - sollen sich regelmäßig fragen: „Habe ich die Wünsche und Bedürfnisse meiner Mitchristen im Blick? Oder bediene ich nur meine eigenen Vorlieben und Interessen?“ 

Neues ausprobieren 

Zu Innovation gehöre auch Exnovation. Zum Anfang des einen gehöre auch das Ende des anderen: „Haben Sie den Mut, sich und anderen etwas Neues zuzutrauen. Geben Sie denen, die etwas ausprobieren wollen, Raum und Vertrauen. Mit einer Fehlerkultur des „Ausprobieren und Scheitern“, mit kleinen Schritten kommen wir weiter als mit dem 10-Jahresplan.“ Und es gäbe die Mitchristinnen und Mitchristen laut Anna-Nicole Heinrich, die sich viel mehr Bewegung im System wünschen würden: „Und auch wenn wir ein paar ,freien Radikalen‘ ein bisschen Spielraum lassen, um die ganze Sache in Bewegung zu bringen, wird die kirchliche Struktur nicht zusammenfallen. Die Kirche wird nicht untergehen und auch das Gemeindeleben wird nicht aufhören, nur weil einmal eine neue Musikgottesdienstform praktiziert wird, die der Kerngemeinde nicht gefällt“, so die These von Anna-Nicole Heinrich. „Ich glaube, es braucht ein bisschen gesunde Resilienz und Gottvertrauen, dass unsere Kirche nicht untergeht, nur weil wir auch anderen Leuten, die nicht das machen, was vielleicht unserem eigenen Geschmack entspricht, eine Bühne geben.“ 

Gemeinsam unterwegs 

Das großartige an der Slackline sei, dass es ein Sport sei, den man eigentlich nie allein mache. Anna-Nicole Heinrich geht immer zusammen mit Freunden in den Park: „Man steht zwar meistens allein auf der Slackline, aber trotzdem ist es immer etwas Gemeinschaftliches: Andere sitzen auf der Wiese, geben Tipps. Wenn jemand runterfällt, steigt jemand anders auf, damit die/der andere sich ausruhen kann.“ Sich gegenseitig darin zu bestärken, immer wieder einzelne Schritte auf diesem Weg zu gehen, schaffe eine gegenseitige Wertschätzung in die Fähigkeiten der unterschiedlichen Leute, die Unterschiedliches an unserer Kirche schätzen. Und doch sei man gemeinsam unterwegs. 
 
Wie die Kirche der Zukunft aussieht? Das können alle mitgestalten, denn die Kirche sei nie fertig. Zum Schluss ihrer Ansprache richtet Anna-Nicole Heinrich einen Appell an alle Anwesenden: „Lassen Sie uns gemeinsam an einer ermöglichenden, mutigen und vernetzten Kirche arbeiten.“ 
 

Anna-Nicole Heinrich ist seit Mai 2021 Präses der EKD-Synode. Auf der Herbsttagung der badischen Landessynode hielt sie einen Vortrag zum Thema „Auf- und Umbruch als neue Normalität“. Das Video des Vortrags ist abrufbar unter https://youtu.be/5k8EmnN_zpA.