Im Wochenspruch aus dem Römerbrief mahnt uns der Apostel Paulus: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12,21). Das ist ein guter Rat und gerade jetzt wichtiger denn je. Denn wohin wir auch schauen, sehen wir die katastrophalen Wirkungen des Bösen. In Israel, in der Ukraine, im Kosovo. Aber was ist das Gute in dieser von Terror und Krieg bestimmten Zeit? Und wie sollen wir mit dem Guten das Böse überwinden?
Ich habe darüber nachgedacht und war ziemlich ratlos. Ziemlich schnell fiel mir ein deutsches Sprichwort ein, das die Grenzen der Bemühung um das Gute zeigt: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Wie wahr. Leider.
Die Macht des Bösen ist offenbar größer als die des Guten, weil das Gute uns bestimmte Handlungsweisen verbietet: Lüge und Erpressung, Terror und Mord sind tabu für alle, die sich dem Guten verpflichtet fühlen. Und selbst im Krieg gibt es für sie Regeln, die nicht gebrochen werden dürfen: den Schutz der Zivilbevölkerung, die Eingrenzung der Gewalt.
Wer diese Regeln bricht, scheint den Vorteil auf seiner Seite zu haben; er bewirkt leider auch, dass die Regeln bald von allen Seiten gebrochen werden. Dann wird das Gute vom Bösen überwunden. So erleben wir es derzeit in Israel, in der Ukraine, im Kosovo - wo wir auch hinschauen. Es ist zum Heulen und raubt mir die Worte; jedenfalls die Worte zum Guten.
Was tun wir als Christinnen und Christen, wenn uns die Worte fehlen?
Wir haben einen Schatz; das sind die Worte unserer Väter und Mütter im Glauben, mit denen sie uns ihre Gotteserfahrungen überliefern, die Worte der Bibel. Wir vertrauen darauf, dass durch sie Gott selbst spricht, uns berührt durch seinen Geist.
Meinen Blick für die Möglichkeiten des Guten hat mir eine Geschichte aus der jüdischen Bibel, aus dem 1. Buch Mose geöffnet (1. Mose 13,1-12).
1. Die Chance des Guten liegt im Moment der Überraschung. Beim Zuhören rechnet man nicht mit dem großzügigen Angebot des Clanführers Abraham, dass sein Neffe Lot den besseren Teil des Landes für sich und seine Familie aussuchen darf. Allenfalls rechnet man vielleicht damit, dass Abraham gutes und weniger gutes Land zwischen beiden gleichmäßig aufteilt. Aber das tut er nicht. Er nutzt seine bessere Position als Führer des Familienclans nicht für sich selbst und auch nicht, indem er eine Lösung vorgibt, die er für gerecht hält. Er nutzt sie, um den weniger Mächtigen, seinen Neffen, zu ermächtigen. Er gibt ihm Wahlfreiheit und die Chance auf Selbstbestimmung.
2. Abraham kann das tun aus einer Position der Stärke. Die hat er nicht nur als Älterer und Familienoberhaupt. Er hat sie als Träger des Segens. „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ hat Gott ihm gesagt. Gottes Segen macht Abraham groß und großzügig – schon bevor irgendetwas von diesem Segen spürbar wird: Abraham hat noch keinen Nachkommen und von dem verheißenen Land gehört ihm nur so viel, wie für eine Begräbnisstätte nötig ist. Aber er vertraut Gott und seinem Segen. Das macht ihn stark.
3. Die Chance, das Böse mit Gutem zu überwinden, liegt zuerst beim Stärkeren. Er hat nämlich die Möglichkeit zum Verzicht und zur Ermächtigung des Schwächeren. Und damit wird das Gute größer und das Böse schwächer. Und wenn es gut geht, wird der Schwächere dadurch stärker und gewinnt seinerseits die Chance, das Gute zu vermehren. Das hat – zugegebenermaßen bei Lot nicht so gut geklappt, weil er an die falschen Leute geraten ist in Sodom. Aber das ist eine andere Geschichte.
4. In einem Konflikt, insbesondere in einem kriegerischen, sollte man Gewaltverzicht und Friedensverhandlungen nicht vom Angegriffenen und Unterlegenen fordern. Das wäre zynisch. Das gilt für die Ukraine, die sich gegen den russischen Angriff verteidigt. Und es gilt für Israel, das sich gegen den Terror der Hamas wehrt. Aber man muss auch genau darauf achten, ob die Waage der Überlegenheit irgendwann kippt – und dann schnell zu sein.
5. Verhindern, dass Menschen ohne Recht und Macht sind, ist nicht naive Gutmütigkeit, sondern Vorsorge für den Frieden, für das Gute. Das ist die Herausforderung, die Israel – aber auch die arabischen Länder gegenüber den Palästinensern versäumt haben. Und damit den Nährboden des Terrors gestärkt, die Überwindung des Guten durch das Böse.
6. Das Gute stärken, damit es das Böse überwinden kann, ist auch eine ganz individuelle Aufgabe. Und unsere Chance. Denn wir sind ja auch Segensträger – wie Abraham. Durch die Taufe sind wir mit Christus verbunden worden – und so Miterben seiner Verheißung: „ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ Ich habe wie Abraham die Chance, das Böse durch Gutes zu überwinden. Das fordert mich heraus, meine Stärken und Rechte und Möglichkeiten zu erkunden und wie ich sie überraschend für das Wachsen des Guten einsetzen kann. Das könnte sogar Spaß machen!
Diese Herausforderung möchte ich mitnehmen aus der Geschichte von Abraham und Lot und sie auch Ihnen mitgeben: Entdecken Sie Ihre Stärken. Und Ihre Möglichkeiten, sie auszuspielen, um andere zu überraschen mit einem Vorschlag, der ihre Möglichkeiten erweitert.
