Und trotzdem – Was in Krisenzeiten helfen kann

gelbe Tassen mit Schnur verbunden

Glaube & Spiritualität

Zerbrechlich – kaum ein anderer Begriff beschreibt das Gefühl, das viele Menschen derzeit haben, besser. Doch was kann helfen, Ungewissheit und Brüche auszuhalten? Wie kann der Glaube dabei helfen? Martina Bocher, Sibylle Rolf und Birgit Weber erzählen von ihren Gedanken und persönlichen Strategien. 

Ihr habt einen Gottesdienst für den Buß- und Bettag vorbereitet mit dem Thema „Vorsicht zerbrechlich!“ Wo spürt ihr Zerbrechlichkeit derzeit besonders?
 
Sibylle Rolf: Das Gefühl, es ist alles so zerbrechlich geworden, empfinde ich gerade als ziemlich beherrschend. Vermutlich geht es nicht nur mir so. Die weltpolitische Lage, die Klimakrise, starke antidemokratische und antisemitische Strömungen in unserer Gesellschaft – da droht so vieles auseinanderzubrechen, mal ganz abgesehen von den persönlichen Brüchen im Leben.
 
Martina Bocher: Es ist ja auch schon ganz schön viel zerbrochen, von dem man nicht angenommen hätte, dass es zerbrechen könnte. Nichts ist so sicher und so fest, wie wir immer dachten.
 
Birgit Weber: Ein Punkt ist für mich auch, dass die Krisen geographisch immer näher rücken. Es macht was mit einem, wenn alles so nah ist. Ich glaube, das ist auch ein Faktor, der dieses Ohnmachtsgefühl verschärft.
 
Wie passt das Thema „Zerbrechlichkeit“ mit dem Buß- und Bettag zusammen?
 
Sibylle Rolf: Die Erfahrung von Zerbrechlichkeit oder Verwundbarkeit hat natürlich nicht erst 2023 angefangen, auch nicht 2020 mit Corona oder 2022 mit dem Ukraine-Krieg. Es gehört zur Existenz von uns Menschen, dass wir immer wieder in unserem Leben Zerbrechen und Brüche erleben und immer wieder auch daran beteiligt sind. Wir sind nicht schuld am Ukraine-Krieg, aber irgendwie sind wir ja doch verstrickt, weil wir einen solchen Energie-Hunger haben und Gas brauchen. Auch in die Klimakrise sind wir verstrickt und in so viele andere Dinge. Ohne, dass ich es will, bin ich doch mitschuldig. Es ist gut, darüber nachzudenken.
 
Birgit Weber: Die Pandemie hat da extrem viel gemacht mit uns. Immer diese Angst, jemanden anzustecken und dieses Virus weiterzubringen mit möglicherweise am Ende fatalen Folgen. Man konnte Fehler machen, die man nie absichtlich machen würde, die diese Zeit aber hervorbringt.
 
Was hilft euch, die vielen Krisen auszuhalten?
 
Birgit Weber: Wenn viel zusammenkommt, funktioniert eine Strategie ganz gut: ich suche mir eine Sache aus, wo ich aktiv was tut kann, zum Beispiel ein soziales Engagement. Das rettet die Welt nicht, aber mir als Person gibt es das Gefühl: da kann ich was bewirken und bin nicht ohnmächtig. Und ich kontrolliere meinen eigenen Medienkonsum. Ich konsumiere die Dosis an Nachrichten, von der ich das Gefühl habe, dass ich sie aushalten kann.  

Sibylle Rolf: Mir tut es gut, darüber zu sprechen, die eigenen Sorgen zu besprechen und zu teilen.
 
Inwiefern hilft euch euer Glaube, um durch diese Zeit zu kommen?
 
Martina Bocher: Mir hilft es, dass ich Gott alles vor die Füße werfen kann. Ich muss nichts allein lösen. Den Rucksack mit allen Fragen und Problemen kann ich erst mal abstellen. Dann schaue ich rein und entscheide, was ich angehen will und was nicht. Wenn ich den ganzen Rucksack aufhabe, bin ich ja wie gelähmt.
 
Sibylle Rolf: Ich bin kürzlich auf Worte aus Jesaja 42 gestoßen. Da heißt es: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte.“ So stelle ich mir Gott vor: als zerbrechlich, aber nicht zerbrechend und behutsam mit dem Zerbrechlichen - dieser Gedanke hilft mir. Und betend helfen mir die Psalmen, die Klage.
 
Birgit Weber: Ich habe das ja selbst schon erlebt: in einer Phase, in der ich selbst nicht beten konnte, haben andere gesagt: ich bete für dich. Du musst nichts selbst machen. Das hat total gutgetan und ich glaube an die Kraft und die Energie, die davon ausgeht. Wenn ganz viele Menschen viel Hoffnung reinsetzen, dann wird das was verändern und langfristig auch eine Wirkung haben.
 
Martina Bocher: Wir können hoffen, bis zum Schluss, ohne sich vor der Wirklichkeit zu verschließen. Wir sagen: und trotzdem!
 
Sibylle Rolf: Und trotzdem, das hat eine unglaublich große Kraft. In der Bibel finde ich wunderbare Worte. Da haben Menschen so hoffnungsfrohe und zukunftsweisende Erfahrungen gemacht mit ihrem Glauben an Gott. Von ihrem Vertrauen können wir auch heute noch viel lernen. Dass es gut werden wird und dass es noch etwas anderes über unsere Welt zu sagen gibt als Kriege und Krisen.
 
Habt ihr einen Rat für Menschen, die momentan kein Licht am Ende des Tunnels sehen, sondern das Gefühl haben, dass alles immer noch schlimmer wird?
 
Sibylle Rolf: Reden und das Gespräch suchen. Und wenn ich niemand im persönlichen Umfeld habe, bei dem ich mich melden kann, dann bei der Telefonseelsorge anrufen.
 
Birgit Weber: Man muss das nicht allein aushalten. Wenn ich reden will, kann ich mich auch bei einem Pfarrer oder einer Pfarrerin melden und um ein seelsorgliches Gespräch bitten.
 
Martina Bocher: Es gibt viele Möglichkeiten, um mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Ich denke zum Beispiel an Trauercafés. Oft haben Gemeinden einen Besuchsdienst. Da trifft man auf Menschen, die für solche Gespräche ausgebildet sind, die damit umgehen können, die Fragen und Sorgen aushalten.
 
 
Wenn Sie mit jemandem sprechen möchten, können Sie sich vor Ort an ein Pfarramt wenden oder jederzeit an die Telefonseelsorge. 
 
 
Martina Bocher ist Grafik-Designerin in der Abteilung Kommunikation und Fundraising im Evangelischen Oberkirchenrat und ehrenamtlich als Prädikantin im Raum Karlsruhe im Einsatz. Prof. Dr. Sibylle Rolf leitet den Bereich Theologische Ausbildung im Evangelischen Oberkirchenrat. Birgit Weber ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei den Evangelischen Frauen in Baden.