Weihnachten hinter Gittern

Was machen Sie an Heiligabend? Einkaufen, Christbaum schmücken, Gottesdienst und dann feiern? Haben Sie sich schon mal gefragt, wie Gefängnisinsassen Weihnachten verbringen? Wolfram Sauer weiß es, denn für ihn beginnt der 24.12. seit 46 Jahren im Gefängnis. Genauer gesagt in der Justizvollzugsanstalt Mannheim. Was er dort macht, lesen Sie in unserer Story.
So gegen 12.30 schließt sich das Haupttor der JVA hinter Wolfram Sauer, und er schließt eine ganze Reihe von Türen auf und zu, bis er an seinem Arbeitsplatz in der Gefängniskirche angekommen ist. Denn Wolfram Sauer ist im Nebenberuf Organist. Seit seinem 17. Lebensjahr begleitet er regelmäßig Sonntagsgottesdienste in der JVA und seitdem spielt er auch jedes Jahr an Heiligabend auf der historischen Walcker-Orgel: „Die Atmosphäre gerade im Weihnachtsgottesdienst gehört zu meinem Leben dazu“, sagt er und beschreibt, wie ein Gottesdienst im Gefängnis abläuft:
„Die Gefangenen werden von den Stockwerks-Beamten aus der Zelle befreit und dann in den Kirchenflügel geleitet. Die Häftlinge gehen in die Kirchenbänke, nehmen sich die Gesangbücher und viele unterhalten sich. Denn aus der Zelle herauszukommen, bietet die Gelegenheit, miteinander zu sprechen. Das ist für die Gefangenen schon etwas Besonderes.“
Doch wenn die ersten Töne des Orgelvorspiels erklingen, kehrt Ruhe ein. Das ist für Sauer immer ein besonders schöner Moment.
Wie im Leben draußen ist der Gottesdienst an Heiligabend auch im Gefängnis der bestbesuchte. Etwa die Hälfte der ca. 800 bis 900 Häftlinge nimmt teil. Für Wolfram Sauer und die beiden evangelischen und katholischen Gefängnisseelsorger heißt das, dass sie an Heiligabend mehrere Gottesdienste feiern, weil der Bedarf so groß ist. Manchmal zwei oder drei hintereinander, aber immer gemeinsam. Denn der Heiligabend-Gottesdienst im Gefängnis ist nicht nach Konfessionen getrennt, sondern ökumenisch. „Die Gottesdienste sind bewusst für alle Insassen geöffnet, auch Nichtchristen sind eingeladen“, sagt Sauer.
Im Weihnachtsgottesdienst spielt er deshalb vor allen Dingen die bekannten Advents- und Weihnachtslieder und die „Häftlinge schmettern bei bekannten Liedern kräftig mit.“
Die Stimmung ist an Weihnachten besonders emotional und regelrecht „aufgeheizt“, beschreibt Sauer die Atmosphäre. „Für die Gefangenen ist es wichtig, dass der Gottesdienst stattfindet, dass sie rauskommen aus der engen Zelle in den weiten Kirchenraum ohne Gitter mit der tollen Akustik. Immer wieder bekomme ich Rückmeldungen, wie sehr das Orgelspiel der Seele guttut.“ Das ist Sauer wichtig, denn das Orgelspiel versteht er nicht nur als Begleitung der Liturgie, sondern als musikalisch-seelsorgerlichen Dienst am Menschen.
Wolfram Sauer erinnert sich an seinen ersten Weihnachtsgottesdienst als 17-jähriger Organist und wie sehr ihn die feierlich mit vier Christbäumen geschmückte Gefängniskirche beeindruckt hat: „Der vollbesetzte Raum mit den Gefangenen, die in ihren Zivilklamotten dasaßen, das hat mir als junger Mensch schon zu denken gegeben, denn ich wusste ja, ich fahre heim und sie gehen in ihre Zelle zurück.“
An Weihnachten ist es auch für die Insassen ein bisschen anders als an einem gewöhnlichen Tag im Gefängnis. Häftlinge können sich zu Mitgefangenen in die Zelle bringen lassen und das Freizeitangebot ist größer als sonst. Außerdem sorgt das Team der Gefängnisseelsorge dafür, dass jeder Häftling ein kleines Geschenk erhält. Finanziert wird diese Aktion mit Hilfe von Spenden.
Auch Wolfram Sauer packt Weihnachtspäckchen in sein Auto, wenn er zur JVA fährt. Er beschenkt damit die sogenannten „Kirchenschänzer“, Gefangene, die für den Kirchendienst verantwortlich sind und die ihn vor den Gottesdiensten auch schon mal mit einer Tasse Kaffee versorgen.
Außerdem mit im Kofferraum: alle Arten von Kalendern, die Sauer alljährlich bei Kolleg*innen, im Freundes- und Bekanntenkreis und bei Gewerbetreibenden einsammelt. Die Kalender sind bei den Häftlingen besonders beliebt, weil damit die Zeit greifbar wird, etwa bis zum nächsten Freigang, der nächsten Hafterleichterung oder gar zur Entlassung. Er sammelt lange bis ins Neue Jahr hinein Kalender, damit auch neue Häftlinge nicht leer ausgehen.
Sauer will seinen „Organistenjob“ noch lange weitermachen, weil ihm die Häftlinge am Herzen liegen: „Die Menschen im Knast sollen merken, dass sie nicht abgeschrieben sind. Die Würde des Menschen ist unantastbar und das hat auch für diesen Personenkreis Gültigkeit.“
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