"Lass es zu" - Impuls zum Kranksein

Papiertaschentücher, Fieberthermometer, Nasenspray

Wibke Klomp

Kurz vor Weihnachten hat es mich richtig erwischt. Fieber, Schüttelfrost, Husten – das volle Programm. Zuerst habe ich es nicht wahrhaben wollen. Das Kranksein hat mir nicht in den Kram gepasst und in meinen Terminkalender erst recht nicht.  „Ja, Kranksein liegt dir nicht“ hat eine Freundin von mir gefrotzelt und mir den eindringlichen Rat gegeben: „Lass es zu, lass von deinen Aufgaben los, umso schneller bist du wieder auf den Beinen.“
 
Ich habe natürlich nicht loslassen können. Habe stattdessen telefoniert und manches hin- und her organisiert. Irgendwann ging nichts mehr, mein Husten wurde immer schlimmer. „Lass los“, hat es in meinen Ohren getönt. Zum Glück hatten die Menschen um mich herum längst verstanden, was los war. Die Kollegen hatten meine Aufgaben schon unter sich aufgeteilt, meine Familie hat mich im Bett mit Obst versorgt, damit ich bloß nicht auf die Idee kommen würde, aufzustehen. Ja, ich war krank. Ich habe es irgendwann verstanden und die Zeichen der Unterstützung, die Pflege meiner Familie und Freunde haben mir gutgetan.
 
Mein Vater hat immer behauptet, dass Kranksein ein Zeichen von Schwäche sei. Das hat mich unglaublich geärgert. Vor allem, wenn meine Mutter sich durch eine Krankheit geschleppt hat, um die Familie noch zu versorgen. Die Einstellung meines Vaters hat mich doch mehr geprägt als ich gedacht habe.
 
Aber, ein Mensch ist aber kein Computer, bei dem man mal eben schnell auf den Reset-Knopf drücken kann und alles wieder läuft. Kranksein gehört zum Leben dazu, im Großen wie im Kleinen. Es ist sozusagen gesund, krank zu sein. Und es ist ein Zeichen von Menschlichkeit, wenn eine Krankheit nicht als Schwäche interpretiert wird. In der Bibel findet sich ein schöner Genesungswunsch. Johannes schreibt an einen Freund: „Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht.“ (3. Joh 1,2)   Wie gut, wenn das kein frommer Wunsch bleibt, sondern auch Sie erleben dürfen, dass Sie krank sein und sich auskurieren dürfen und, dass andere Menschen dann für Sie da sind.  
 
  

Wibke Klomp

Dekanin im Kirchenbezirk Wertheim