Eine Struktur, die das ermöglicht hat - Ein Beispiel der Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt

Sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche – dazu hat der unabhängige Forschungsverbund ForuM gerade eine Studie veröffentlicht. Ein wichtiger Schritt für die vollständige Aufklärung und Ahndung der Taten. Auch das „Dinglinger Haus“ hat einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit. Vor gut 50 Jahren hat der damalige Heimleiter zahlreiche Mädchen sexuell missbraucht. Heute leitet Holger Henning die Einrichtung in Lahr, inzwischen ein evangelisches Kinder- und Jugendhilfezentrum. In vielen Gesprächen mit Betroffenen hat er diesen düsteren Teil der Geschichte des Hauses aufgearbeitet. Lesen Sie mehr dazu im Interview.
Mit welchen Fällen von Sexualisierter Gewalt haben Sie sich beschäftigt?
Es gab nach dem Nationalsozialismus bis in die 80er Jahre hinein viele Einrichtungen, in denen Gewalt, grenzüberschreitendes Verhalten und Missbrauch passiert ist. In den Jahren 1969 bis 1973 gab es einen Heimleiter im Dinglinger Haus, der bei mindestens 13 Mädchen massivste Gewalt ausgeübt hat, davon auch in hohem Maße sexualisierte Gewalt. Und mit diesen Vorfällen habe ich mich intensiver beschäftigt.
Also gab es einen Täter und mehrere Opfer?
Es gab einen Haupttäter, der damalige Heimleiter. Doch um ihn herum war eine Struktur aufgebaut, die das ermöglicht hat. So gab es auch Anschuldigungen gegen andere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, welche die Opfer dem Täter praktisch zugeführt haben. Das Dinglinger Haus war damals ein Heim, in dem u.a. verhaltensauffällige Mädchen gelebt haben. Wenn Mitarbeitende sich von einer Situation überfordert fühlten, haben sie damit gedroht, die Mädchen zum Heimleiter zu bringen. Er wurde als Bestrafungsinstanz genutzt.
Wie kam es, dass Sie mit der Aufarbeitung dieser Fälle begonnen haben?
Bei mir kamen Anfragen von Betroffenen über Akteneinsichten an. Ich hatte von meinem Vorgänger ein wenig über den damaligen Heimleiter erfahren. Für mich war nach den Anfragen klar, dass ich die Akten kopiere und den Menschen zur Verfügung stelle. Das ist Teil ihrer Biografie. Die Frage war: Was löse ich bei der Person aus, welche die Anfrage hat? Was in der Akte steht, ist nicht die Realität, die die Betroffenen damals erlebt haben. Da steht nichts von Missbrauch und von Demütigungen drin, sondern das ist eine einseitige Sichtweise, teilweise auch eine sehr skurrile psychiatrische Sichtweise, die man damals in der Diagnostik hatte. Deswegen habe ich beschlossen, die Anfragen immer persönlich zu beantworten, auch, weil ich selbst Therapeut bin. Ich habe die Akten kopiert und die Menschen zuhause besucht, sie hierher eingeladen oder mit ihnen telefoniert und habe aus der Akte berichtet.
Wie sind Sie bei der Aufarbeitung vorgegangen?
Meine Herangehensweise ist sehr persönlich geprägt. Ich wollte nicht das Ganze aufarbeiten, sondern ich habe mir immer, wenn eine Anfrage kam, die Zeit genommen, habe mir die Akte angeschaut, mich darauf vorbereitet und dann bin ich mit der Person in Kontakt getreten. Mit manchen hält der Dialog bis heute an. Danach bin ich mit meinen Erfahrungen an das hiesige Jugendamt, habe dort Vorträge zur Heimgeschichte gehalten, außerdem habe ich unter anderem einen Konzeptionstag mit dem Verwaltungsrat des Dinglinger Hauses gemacht. Ich habe auch vor allen Berufsgruppen, die im Dinglinger Haus arbeiten, über diesen speziellen Teil der Heimgeschichte Vorträge gehalten.
Was bedeutet das für die Betroffenen, wenn man sich die Zeit nimmt, mit ihnen über ihre Erlebnisse zu reden?
Für einige war das sehr entlastend. Sie haben die Einrichtung besucht und waren sehr erleichtert zu sehen, wie diese jetzt arbeitet, wie Kinder und Jugendliche untergebracht sind, welche Formen von Beteiligung wir haben. Das hat dazu geführt, dass sie etwas loslassen konnten. Es scheitert, wenn das Thema der Wiedergutmachung nicht im Sinne der geschädigten Person stattgefunden hat. Ich habe keine finanziellen Möglichkeiten der Entschädigung und es ist auch passiert, dass finanzielle Forderungen im Raum standen. Ich hatte auch Begegnungen, die waren so von Wut und Hass geprägt, dass ich nicht weiterkam.
Haben Sie im Zuge der Aufarbeitung auch neue Fälle aufgedeckt?
Es gab seither noch weitere Meldungen, in denen es aber um Bestrafungsmethoden ging. So besuchte mich beispielsweise ein Mann, der mir gezeigt hat, in welchem Keller er eingeschlossen worden war. Wir haben Tiefkeller, die an Katakomben erinnern, da wurden die jungen Leute zur Bestrafung ohne Licht eingesperrt, was natürlich auch sehr schlimm war. Pädagogik ist sehr machtvoll, und das ist sie heute immer noch. Sie hat auch ihre Schattenseiten und kann missbraucht werden. Der Aspekt des Machtvollen wird oft nicht genug berücksichtigt.
Haben Sie aus dem, was Sie in den Gesprächen erfahren haben, auch Erkenntnisse für die jetzige Arbeit gewonnen?
So wie es damals passiert ist, wird es nicht mehr passieren, weil viel dafür getan wurde. Durch inhaltliche und rechtliche Veränderungen haben wir nun eine andere Ausgangslage. Wir haben Schutzkonzepte, ein Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren und eine hohe Sensibilität für dieses Thema. Partizipative, demokratische Strukturen sind Grundlage dieser Einrichtung, weil genau das ein wichtiges Element ist, das damals gar nicht gegeben war. Wir sind inzwischen eine heilpädagogisch-therapeutische Einrichtung mit einem sehr offenen Konzept.
Wo sehen Sie denn besondere Risiken und Gefahren in der aktuellen Situation heute?
Wenn die Systeme überlastet werden und zu wenig gut ausgebildete Menschen und finanzielle Ressourcen bereitgestellt werden, dann nehmen vermutlich auch Übergriffsituationen zu. Gute Pädagogik braucht auch eine gute finanzielle und personelle Ausstattung und ein stimmiges Konzept.
Wo sehen Sie Grenzen im Bereich Aufarbeitung? Was kann sie leisten, was nicht?
Sie ist nicht mehr hilfreich, wenn die Menschen retraumatisiert werden durch die Fragen, die ihnen gestellt werden, oder wenn es zu einer kumulierten Enttäuschung kommt. Wichtig ist es für Betroffene, einen Ansprechpartner zu haben, der oder die sensibel genug für das Thema ist; jemanden, an den man sich wenden kann, der Zeit hat. Auch wenn klar ist: Der Ansprechpartner kann nicht alles beantworten, noch etwas ungeschehen machen. Bei allen größeren Veranstaltungen mit Betroffenen kommt es immer zu neuen Enttäuschungen. Dieses Thema kann für viele nicht zufriedenstellend abgeschlossen werden, es ist ein individueller Prozess, etwas Persönliches. Deshalb ist persönliche Ansprache und Ruhe besser als viel Lärm.
Wie sollte Kirche oder Diakonie mit dem Thema Aufarbeitung umgehen?
Natürlich muss man als Kirche und Diakonie offen dazu stehen: Das ist passiert, das tut uns leid und wir versuchen, die Betroffenen zu unterstützen. Die meisten Vorfälle liegen Jahrzehnte zurück und betreffen die gesamte Gesellschaft, aber gerade bei Kirche sind diese Vorfälle in großem Widerspruch zu ihrem Auftrag. Sich nebenher darum zu kümmern, geht nicht. Man muss sich auch dafür Zeit nehmen. Für mich war es sehr hilfreich, mit den Betroffenen persönlichen Kontakt zu haben und von ihnen zu lernen.
Weitere Informationen, auch über Melde- und Beratungsmöglichkeiten, finden Sie auf unserer Seite Hilfe bei Sexualisierter Gewalt.
Lesen Sie auch die Stellungnahme von Landesbischöfin Heike Springhart und Oberkirchenrat Urs Keller zur Vorstellung der ForuM-Studie.