Unworte? – Impuls über starke Worte

Nudeln in Buchstabenform

Thomas Weiß

Na, das ist mal eine Jury, der ich nicht angehören wollte (um ehrlich zu sein: Ich habe noch nie einer angehört, bin nie gefragt worden): derjenigen, die das „Unwort des Jahres“ kürt. Stellen Sie sich mal vor, wie viele „Unworte“ Sie da lesen und über sich ergehen lassen müssen. Allesamt sind sie ärgerlich und unerquicklich, die „Unworte“ – und das ärgerlichste und unerquicklichste macht am Ende das unerfreuliche Rennen. Da wollte ich nicht dabei sein.
 
Trotzdem: Die „Unworte“ erreichen mich auch. Wer öffentliche Debatten verfolgt, sich in Social Media etwas umtut, Gesprächen in Bahnhofshallen oder Einkaufszentren lauscht, kriegt sie gnadenlos an die Ohren. Die Hass- und Hetz-Unworte, die schönrednerischen Verbrämungen oder ungebremsten Beschimpfungen sind – Gott sei’s geklagt – einfach nicht zu überhören. Das „Unwort“ „Remigration“, das die zweifelhafte Ehre hat, den Wettbewerb ums „Unwort des Jahres 2023“ gewonnen zu haben, ist doch nur eines von vielen, die zu hören ans Herz und aufs Gemüt geht, die entsetzlich und zuweilen unerträglich sind in ihrer Gewalt oder Verlogenheit. Mich wundert nicht, dass die Rechten darin besonders erfinderisch sind, als legten sie es drauf an, den Wettbewerb Jahr für Jahr zu gewinnen.
 
Allerdings bin ich nicht mal sicher, ob es „Unworte“ überhaupt gibt. Das ist wie beim „Unding“ (So ein Satz meines Vaters: „Ha, des isch jo en Unding, des!“) – in Wahrheit ist das ein Ding, das ich bloß nicht für möglich oder vorstellbar halte, weil meine Fantasie dazu nicht ausreicht. Da, vorhanden, ist es gleichwohl. Wie das „Unwort“ eben auch ein Wort ist, das – einmal ausgesprochen – verletzt und beschädigt. Bei der „Remigration“ geht es doch nicht um harmlose Konzepte, sondern um konkrete Menschen, die beängstigt werden sollen, denen die Grundwerte abgesprochen werden. Das „Unwort“ ist ein Wort, das Gewalt ausübt und Schaden anrichtet. Das „Unwort“ tut etwas. (2022: „Klima-Terroristen“; 2020: „Corona-Diktatur“; 2017: „Alternative Fakten“; 2015: „Gutmensch“ – da geht es um Herabsetzung und politisches Kalkül).
 
Und was tun wir, was setzen wir dagegen? Das ist keine ratlose Frage, da hat Kleinmut keinen Platz. Denn wir haben starke Worte, die mindestens so gut sind im Tun wie „Unworte“, stärker allenthalben! Wenn wir „Liebe“ sagen, tun wir uns auf, wenn wir „Willkommen“ sagen, öffnen wir gleich noch Türen dazu. Wenn wir einen oder eine mit „Du“ ansprechen, stellen wir Beziehung her, und wenn wir zum „Wir“ kommen, sogar auf Augenhöhe. „Achtung“ richtet auf, „Respekt“ erkennt an, „Toleranz“ ist lernbereit, „Vertrauen“ beruhigt – alles Worte, die etwas tun. Und die am Ende die „Unworte“ (und die, die sie so hinterlistig gebrauchen) zum Schweigen bringen.
Und sehen Sie: Diese Worte müssen wir nicht einmal erfinden. Gott hat sie uns vorgesprochen – wir stimmen einfach ein.