Gelebte Zuwendung – Aus dem Alltag einer Klinikseelsorgerin

Wenn Verena Mätzke Patientenbesuche in der Klinik in Heidelberg macht, trägt sie weder einen weißen Kittel, noch hält sie medizinische Geräte oder Medikamente bereit. Sie kommt mit einem Lächeln auf den Lippen und stellt sich erst einmal vor. Denn Verena Mätzke ist Klinikseelsorgerin. Was sie macht und wie Sie Patient*innen hilft, lesen sie in unserer Story.
Verena Mätzkes Terminkalender ist prall gefüllt. Schon früh am Montagmorgen gehen in ihrem Büro in der Medizinischen Klinik im Neuenheimer Feld in Heidelberg die ersten Telefonanrufe ein. Es sind meistens Pfleger*innen oder Ärzt*innen, die sie bitten, „mal bei einem Patienten vorbeizugehen“. Vorbeigehen heißt für Mätzke, dass sie sich Zeit nimmt und Patient*innen besucht, die zur Behandlung in der Klinik sind. Dabei geht es nicht um medizinische Probleme, sondern um das Seelenheil. Patient*innen, aber auch Angehörige und Pfleger*innen können Klinikseelsorge in Anspruch nehmen, unabhängig von Konfession oder Weltanschauung. „Manche Menschen haben eine genaue Vorstellung davon, warum sie sich Seelsorge gewünscht haben. Die haben ein bestimmtes Anliegen, das regelrecht aus ihnen herausbricht, so dass sie das Gespräch sofort beginnen. Andere haben keine Vorstellung von Seelsorge, sind aber offen für ein Gespräch.“ Dass es dabei nicht unbedingt um Gott gehen muss, ist Mätzke wichtig. Sie versteht Seelsorge als „gelebte Zuwendung zu diesem besonderen, einzigartigen Menschen, dem ich gegenüberstehe, wenn ich in ein Krankenzimmer gehe.“
Die Gesprächsthemen sind unterschiedlich, aber wenn Patient*innen sie um einen Besuch bitten, dann liegt ihnen etwas auf der Seele. Wie dem älteren Herrn, dessen Bruder verstorben war, während er im Krankenhaus lag. „Er konnte nicht an der Trauerfeier teilnehmen, zudem gab es einen Konflikt in der Familie. Bei meinem Besuch habe ich ihn nach seinem Bruder gefragt, nach den gemeinsamen Erlebnissen und auch, ob er denn eine Vorstellung davon hat, wo sein Bruder jetzt ist. So konnte er im Gespräch seiner Trauer Raum geben. Am Ende hat er sich bedankt und gesagt, dass er in die Krankenhauskapelle gehen und für seinen Bruder eine Kerze anzünden wird. Das war schön, auch für mich.“
Nicht immer sind die Gespräche so einfach. Denn Mätzke betreut auch Patient*innen mit schweren Erkrankungen, deren Lebenszeit zu Ende geht. Sie erinnert sich an die Begegnung mit einem Mann der unerwartet mit der Diagnose eines weit fortgeschrittenen Lungenkrebses konfrontiert war.
„Man merkte ihm im Gespräch den Schock über die Diagnose an. Er war fassungslos und traurig, dass er sterben muss. Wir haben darüber gesprochen, wie es ihm damit geht. Er hat mir sein ganzes Leben erzählt, was ihm gelungen ist, wo er versagt hat. Auch über Hoffnung haben wir gesprochen und wie es ist, wenn sie sich nicht erfüllt. Das war wirklich heftig und hat mich – obwohl ich bei meiner Arbeit ja auch eine gewisse professionelle Distanz haben muss – sehr bewegt und mitgenommen.“
Mätzke hilft in solchen Situationen der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. Acht evangelische Klinikseelsorger*innen sind in Heidelberg im Einsatz. Alle haben eine pastoralpsychologische Zusatzausbildung, um für den Einsatz im Krankenhaus gut gerüstet zu sein. Da der Bedarf an Klinikseelsorge sehr groß ist, kommen auch Ehrenamtliche zum Einsatz. Mätzke freut sich, dass sie inzwischen vier „Praktikant*innen“ hat, die den von der badischen Landeskirche angebotenen Fortbildungskurs machen wollen.
Es gebe in ihrem Berufsalltag aber auch leichte Begegnungen, so Mätzke. Sie freut sich mit den Menschen, wenn eine Operation gut überstanden wurde oder die Untersuchung gezeigt hat, dass keine Metastasen da sind. „Hin und wieder gibt es sogar etwas Lustiges“, schmunzelt Mätzke. „Ich stand mit einer Patientin auf dem Balkon, die aufgrund ihrer Erkrankung immer mit dem Infusionsständer herumlaufen musste und wirklich ein Fliegengewicht war. Sie erzählte mir, dass sie vor der Klinik auf einer Wiese stand, als der Rettungshubschrauber kam und so einen starken Wind machte, dass sie mitsamt dem Infusionsständer rücklings in die Wiese gefallen ist. Der Patientin sind die Tränen vor Lachen gekommen, als sie mir das schilderte. Das war so ansteckend, dass ich mitlachen musste. Sie hatte es gesundheitlich und mit ihrer Lebensgeschichte wirklich schwer und dieser Moment war total sorglos. Das war schön.“
Auf die Frage, was denn die wichtigsten Eigenschaften einer Klinikseelsorgerin seien, nennt Mätzke Offenheit und Interesse an Menschen und ihren Geschichten. „Eine grundsätzliche Menschenliebe ist wichtig. Man sollte eine innere Zustimmung oder Akzeptanz haben, dass auch leidvolle Dinge im Leben eines Menschen passieren. Und man muss bereit sein, das auszuhalten. Das könnte ich ohne meinen Glauben nicht machen. Er gibt mir Halt und Hoffnung, die ich auch meinen Patient*innen weitergebe: Aus der liebenden Gegenwart Gottes können wir nicht rausfallen, weder im Leben noch im Sterben.“
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