Ein offenes Ohr für die Landwirtschaft

Traktor

Haben Sie die langen Traktorenkolonnen auch gesehen? In den letzten Wochen waren fast überall in Deutschland die Bäuerinnen und Bauern unterwegs. Sie haben als Zeichen des Protests gegen den Wegfall von Subventionen Autobahnzufahrten blockiert oder den Verkehr in Innenstädten lahmgelegt. Doch worum geht es den Landwirt*innen eigentlich? Peter Schock ist „Bauernpfarrer“ und kennt die Probleme. 

Wenn Peter Schock auf einen Bauernhof im ländlichen Raum in Baden gerufen wird, läuft etwas nicht rund im bäuerlichen Betrieb. Meistens geht es um persönliche oder familiäre Probleme. Der gelernte Landwirt und Theologe ist Seelsorger für die Bäuerinnen und Bauern in Baden. Offiziell ist er der landeskirchlicher Beauftragte für den kirchlichen Dienst auf dem Land. 
„Oft geht es um die Hofnachfolge. Wenn der junge Nachfolger mal etwas anderes ausprobieren will, dann kommt es nicht selten zu Konflikten in der Familie. Ich biete dann an, darüber zu reden. Ich habe es schon erlebt, dass die ganze Familie am Tisch sitzt, wenn ich hinkomme. Und da geht es erst einmal darum, die Generationen miteinander ins Gespräch zu bringen und so vielleicht gemeinsam einen Ausweg zu finden. Die Menschen leben und arbeiten jahrelang auf dem Hof zusammen, aber über familiäre oder persönliche Probleme wird wenig gesprochen.“ 
 
Auch wenn es um betriebliche Probleme geht, sind Peter Schock und seine Kolleg*innen vom gemeinnützigen Beratungsdienst, Familie und Betrieb, gefragt. Oft begleiten sie Familien längerfristig. Denn die Erfahrung zeige, „wenn es im Betrieb nicht läuft, dann läuft es auch in der Familie nicht gut und umgekehrt“, so Schock. 
 
Peter Schock
Die Landwirtschaft liegt ihm am Herzen: "Bauernpfarrer" Peter Schock
Unter den Bäuerinnen und Bauern treten in den letzten Jahren verstärkt psychische Probleme auf. In Frankreich und Großbritannien habe man festgestellt, dass die Suizidrate insbesondere bei den Landwirten höher sei als in der restlichen Bevölkerung. Auch wenn es für Deutschland keine konkreten Zahlen gibt, die psychische Belastung sei sehr hoch und nähme stetig zu. 
 
Schock führt das auf verschiedene Faktoren zurück. Da sind zum einen die immer höher werdenden Anforderungen: „Zu einem ohnehin langen Arbeitstag kommt die Bürokratie dazu, Formulare, die auszufüllen sind, Vorschriften, die eingehalten werden müssen. Die Bauern haben das Gefühl, dass sie ständig von außen reingeredet bekommen und dass man ihnen nicht traut.“ Auch die mangelnde Wertschätzung seitens der Bevölkerung sei eine Belastung für die Landwirt*innen. Er nennt Beispiele: „Da hindern Passanten einen Bauern daran, mit dem Spritzfass in den Acker zu fahren und beschimpfen ihn als Umweltschwein. Oder es kommt zum Streit, weil sich Fahrradfahrer auf den Feldwegen gestört fühlen, wenn sie zur Seite müssen, weil ein Traktor an ihnen vorbeifährt.“ Hinzu kommt die fehlende Planungssicherheit. „Das wird als großes Manko angesehen. Es gibt immer wieder neue Verordnungen, von denen die Leute nicht wissen, wie lange sie gelten. Der Bau eines Stalls zum Beispiel erfordert sehr hohe Investitionen. Da muss man vielleicht auf 20 Jahre planen. Wenn ein Landwirt dann nicht sicher sein kann, dass der Stall in fünf Jahren überhaupt noch der Norm entspricht, ist das schwierig. Die Subventionskürzungen beim Agrardiesel waren dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“ sagt Schock im Hinblick auf die Bauernproteste. 
 
Wir als Verbraucherinnen und Verbraucher können durch unser Verhalten die Bauern unterstützen. „Wir entscheiden mit unserem Einkauf darüber, wie es mit unserer Landwirtschaft, aber auch mit dem Umweltschutz und dem Klimawandel aussieht.“ Schock rät zum Kauf von regionalen Produkten, wenn es finanziell möglich ist. Denn es seien gerade die kleinen und mittleren Betriebe in Baden-Württemberg, die sich um Umweltschutz, Artenvielfalt und den Erhalt der Kulturlandschaft kümmerten.
 
Ein offenes Ohr für die Probleme der Landwirte und Landwirtinnen zu haben, ist Peter Schock wichtig. Und es freut ihn, wenn auf Veranstaltungen der Landwirtschaftsverbände nicht nur der geistliche Impuls, sondern auch seine Meinung als „Bauernpfarrer“ gefragt ist.
 
  

Pfarrer Peter Schock

Leiter des Kirchlichen Dienstes auf dem Lande (KDL) und Studienleiter des Fachbereichs Landwirtschaft und ländlicher Raum
0721 9175 25 351
 
Weitere Informationen zum Kirchlichen Dienst auf dem Land finden Sie unter www.ekiba.de/kdl