Warum beten wir?

Hände, vor der Brust gefaltet

Glaube & Spiritualität

Die einen tun es immer abends, die anderen vor dem Mittagessen, manche wenn sie Angst haben oder sich nach der Erfüllung eines Herzenswunsches sehnen: Viele Menschen beten, selbst wenn sie sonst eigentlich mit Religion gar nicht so viel am Hut haben. Warum ist das so? Was genau ist Beten eigentlich, und wie funktioniert es? Susanne Schneider-Riede von der Fachstelle Geistliches Leben gibt Antworten. 

Was genau ist Beten eigentlich?

Susanne Schneider-Riede: Beim Beten verbalisiere ich meine Gefühle zu Gott hin – und auch von Gott her. Beten ist ein In-Beziehung-Treten zu Gott, zu mir selbst und auch zu anderen. In gewisser Weise drückt es auch eine Bedürftigkeit aus. Beten, Meditieren und in die Stille gehen, das ist allen Religionen eigen. Wir Christen und Christinnen haben durch unsere jüdischen Geschwister mit den Psalmen einen großen Gebetsschatz, in dem das ganze Leben Platz vor Gott findet: Freude, Tanzen, Singen, Klage … 

Welche verschiedenen Arten zu beten gibt es denn?

Susanne Schneider-Riede: Viele von uns kennen das Bittgebet und das Dankgebet. Es gibt das „In-die-Stille-Gehen“ in der Tradition Jesu – wobei nicht ganz klar ist, was er dabei genau getan hat; im „Beten ohne Unterlass“ sind wir im Alltag mit einem Psalmvers unterwegs und können uns dadurch der Gegenwart Gottes besonders bewusstwerden; In diesem Herzensgebet wird ein Wort oder ein Satz aus einem Psalm im Rhythmus des Atems wiederholt. Auch die Meditation, die in fast allen Religionen verbreitet ist, wird von uns Christinnen und Christen schon seit einigen Jahren wiederentdeckt. 

Wie kommt es, dass wir uns durch Beten besser fühlen?

Susanne Schneider-Riede: Das ist recht komplex: Wenn ich beispielsweise ein Bittgebet spreche, dann lasse ich zu, dass ich nicht alles im Leben alleine bewältigen kann und muss; es gibt da jemanden, an den ich mich wenden kann. Gerade in unserer heutigen Zeit, wo viele Menschen unter dem Eindruck leben, immer stark sein und alles allein stemmen zu müssen, kann das ungemein entlastend sein. Ein Dankgebet ist deshalb so großartig, weil ich mich im Danken sehr über etwas freuen kann, vielleicht sogar etwas, das ich gar nicht selbst habe beeinflussen können. Menschen, die dankbar sein können für das Gute, was sie im Leben erfahren, strahlen das übrigens auch aus.

Und was genau passiert beim Beten mit uns?

Susanne Schneider-Riede: Wenn ich vor Gott alles formulieren darf, was mich bewegt, was ich brauche oder ersehne, dann bin ich mir in diesem Moment bewusst, dass da jemand ist, der mich hört. Und das tut gut! Es ist so ähnlich, wie wenn ich mit einem guten Freund oder einer guten Freundin rede: Da darf ich auch alles sagen, was mir auf der Seele liegt, und so sein, wie ich wirklich bin. 
Eine Rolle spielt auch die körperliche Haltung, die ich beim Beten einnehme: Ob ich beispielsweise die Hände falte, die Augen schließe und mich sammle usw. Dieses bewusste Ins-Gebet-Gehen ist eine Art des Loslassens und macht in diesem Moment etwas mit der Seele. Es ist aber kein Wellnessprogramm, sondern führt dazu, dass ich für eine Weile ganz bei mir bin – und auch, dass ich mich von jemandem gehört und verstanden fühle.

Inwieweit unterscheidet sich kindliches Beten von den Gebeten Erwachsener?  

Susanne Schneider-Riede: Kinder sind gegenüber Gott meistens noch ganz vertrauensvoll – das ist etwas sehr Wertvolles und Schönes. Wenn sie dafür beten, dass beispielsweise der geliebte Hamster wieder gesund werden soll, dann sind sie in diesem Moment ganz getröstet und in Erwartung, dass das auch so geschehen wird.
„Erwachsenes“ Beten weiß darum, dass wir vor Gott alles bringen dürfen, dass wir ihn bitten dürfen, dass aber nicht jedes Gebet einfach erfüllt wird. Solche Gebete assoziieren die Hoffnung, dass Gott für uns das Gute will, auch wenn es vielleicht nicht immer eintritt – analog zu der Gebetszeile „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe“ … 

Aber wenn wir feststellen, dass das, worum wir beten, nicht eintritt, warum beten wir dann trotzdem weiter?

Susanne Schneider-Riede: Ich selbst beispielsweise bete, weil ich ahne – oder darauf setze –, dass Gottes Horizont größer ist als meiner. Ich brauche etwas, das mir Hoffnung gibt. Und ohne das jetzt schönreden zu wollen, aber manches, was im Leben eintritt, auch wenn es zunächst nicht so scheint, stellt sich im Nachhinein als gute Fügung heraus.
Auch für jemand anderes zu beten ist ein sehr trostreiches Gefühl, denn es gibt uns die Gewissheit, demjenigen etwas Gutes getan zu haben, vor Gott an ihn oder sie gedacht zu haben. Gerade dann, wenn Beten vielleicht das das Einzige ist, was wir überhaupt für denjenigen tun können.
 
 
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