Zum Wohl!- Impuls über Sorgen, Likör und Gott

Eine gekaufte Flasche Eierlikör steht auf einem Tisch auf einer Frühlingswiese

Thomas Weiß

"Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“ – wusste, lebensweise und erfahrungssatt, Wilhelm Busch in seiner „Frommen Helene“. Da hat er recht, in meinem Fall jedenfalls. Ich habe Sorgen – und Likör. Eine halbe Flasche Eierlikör steht noch da, die ich einmal im Andenken an meine Oma (die ihn sehr mochte) gekauft habe, und vom letzten Urlaub eine noch unangebrochene Flasche Marillenlikör (Wir waren in Österreich), auf dem Deckel sammelt sich der Staub. So viel zum Bestand der pastoralen Minibar.
 
So überschaubar steht’s mit den Sorgen leider nicht: Wie sieht die Welt in zwanzig Jahren aus? Kann der Rechtsruck in unserer Gesellschaft zurückgewiesen werden? Machen da alle mit? Wer zahlt die Rente der Generationen nach uns? Gelingt es noch, den Klimawandel in erträglichen Bahnen zu halten? Wie wird Friede in der Ukraine, im Nahen Osten? Setzen sich die autoritären Regime durch oder gewinnen die Demokratien das Feld? Wie sieht die Welt aus, in der unsere Söhne und Töchter Verantwortung übernehmen? Reicht meine Kraft noch für eine Weile? – Sie alle können Ihre je eigenen Sorgen und Befürchtungen dazu legen. Sicher ist: Die sind nicht so schmalhanselig wie meine Minibar, sondern dick und fett und hochprozentig. Und keine davon schmeckt im Abgang süß.
 
Die Bibel spricht von den Sorgen ganz anders als Wilhelm Busch es tut. „All eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ So heißt es im ersten Brief des Petrus, im 5. Kapitel, der 7. Vers. Klingt gut – ist aber auch nicht leicht. Die kleinen Sorgen (Was ess‘ ich heute Abend? Wann geht die Heizung wieder? Hoffentlich findet der Zahnarzt nix!) die kann ich noch fröhlich werfen, aber wenn die mittelgroßen und die ganz großen drankommen, dann hab ich nicht die Kraft, sie zu werfen; ich krieg sie kaum vom Boden aufgehoben. Werfen – schön wär’ es schon. Aber: sie Gott vorzulegen, kann ein unmöglicher Kraftakt sein. Wie ich sie da hinaufwerfen soll, vor den Himmel, vor Gottes Thron – ich weiß es nicht.
 
Muss ich auch nicht. Das ist das Gute: Gott sorgt für uns, indem er uns nahekommt, ganz nah. Er gesellt sich zu uns, steht mittendrin in dem, was uns besorgt. Davon erzählt das Kreuz auf Golgatha: Gott ist das menschliche Sorgen, Klagen, Verzweifeln nicht fremd. Er ist dabei – genau hier, wo ich jetzt stehe, gebeugt und kraftlos, und meine Sorgen drücken auch seinen Buckel. Das tut er, uns zugute, zu unserem Wohl. Und sein „Prosit“ (übersetzt: „Es möge nützen!“) ist tatsächlich nicht nur ein frommer Wunsch für fromme Helenen; es geschieht tatsächlich.
Was mir den Mut gibt, den Sorgen ins Gesicht zu sehen.