Der Bibel auf der Spur – Die Bibelgalerie in Meersburg

Engagement & Freizeit
Die Bibel prägt seit Jahrhunderten unsere Kultur, Gesellschaft und Alltag. Ohne die Bibel wäre unser Zusammenleben heute ein anderes. Auch ich habe einige Exemplare bei mir daheim im Bücherregal stehen. Doch: Was hat die Bibel eigentlich mit mir zu tun? Wieviel Bibel steckt in unserem täglichen Leben? Mit diesen Fragen bin ich neugierig zur Bibelgalerie nach Meersburg aufgebrochen.
Ich erreiche den Eingang durch verschlungene Gassen der Meersburger Oberstadt. Die Bibelgalerie befindet sich in einem ehemaligen Dominikanerinnenkloster. Vor dem Gebäude ein duftender Kräutergarten. Wie ein kleines Stück Paradies erblühen in ihm biblische Früchte, Heilpflanzen und ein Feigenbaum. Ich gehe rein. In einem der Räume beobachte ich kleine Entdecker*innen, die in einem Original-Nomadenzelt den Geschichten von damals lauschen. Ich setze mich dazu. Plötzlich möchte eins der Kinder, dass ich ihm beim Mehlmahlen helfe. Ich bin dabei. Gemeinsam tauchen wir ein in die damalige Zeit.
Bei meinem weiteren Rundgang durch die Bibelgalerie werden mir Bibelspuren in unserer Sprache offenbart: Wenn einem „die Haare zu Berge stehen“ oder man „seine Hände in Unschuld waschen“ möchte, zitiert man (unabsichtlich) aus der Bibel. Die Bibel ist ein Gewebe von Texten aus verschiedenen Zeiten und Kulturräumen. Der Reichtum der biblischen Sprache und die Kraft der alten Texte wird durch Übersetzungen weitergegeben. Jede gute Übersetzung bewegt sich in einem Spannungsfeld: Zwischen Wörtlichkeit und Sinn. Zwischen Urtext und jeweils aktueller Alltagssprache. Luthers Bibelübersetzung will die Bibel zu einem „Buch für alle" machen. Luthers geniales Sprachempfinden verleiht seinen Texten poetische Tiefe trotz aller Volkstümlichkeit – das führte dazu, dass sich manche Redewendung in unserer deutschen Alltagssprache etablieren konnte.
Ich bin positiv überrascht und so wie mir scheint es vielen Besucherinnen und Besuchern zu gehen. Ich lese im Gästebuch begeisterte Einträge: „Die Begegnung mit Gott und seinem Wort auch im Urlaub tut mir gut. Ich atme auf.“ – „Liebevoll gestaltet und sehr informativ! Der interessierte Laie kann sich hier ebenso aufhalten wie Schulklassen und Familien. Sehr schön!“ – „So kann man junge Menschen wieder für Gott begeistern und gewinnen!“
Ich setze meine Spurensuche fort und lerne: Der uns vertraute Wochenrhythmus ist nicht von der Natur vorgegeben. Die Zeitstruktur der Wocheneinteilung mit Arbeitstagen plus Feiertag - der Sonntag- wird an die jüdische Sabbatregelung seit Jahrhunderten in unterschiedlichen Kulturen praktiziert. Zunächst war der Sonntag – trotz der Erwähnung eines Feiertags in den zehn Geboten - noch kein „offizieller“ Ruhetag. Das änderte sich erst unter Kaiser Konstantin, dem ersten christlichen Kaiser Europas. Im Jahr 321 erklärte er den Sonntag zum Ruhetag. Handwerker und Gewerbetreibende durften nicht arbeiten - ausgenommen waren nur die Bauern.
Wenn man die Treppe in die obere Etage hochgeht, trifft man auf ein überdimensionales Bücher-Buch. Es erinnert mich daran, dass die Bibel nicht ein einziges Buch ist, sondern aus 77 Büchern besteht. Diese wurden im Zeitraum von 1.000 Jahren von vielen verschiedenen Autoren geschrieben. Und ich bin bei der Station des Bücher-Buchs nicht allein: Ein Mann möchte unbedingt wissen, in welchem der 77 Bücher sein Trauspruch steht und in welchem Kontext dieser damals aufgeschrieben wurde. Ich helfe ihm. Gemeinsam werden wir beim Buch Rut fündig: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ – dies sagte die verwitwete Schwiegertochter Rut zu ihrer verwitweten Schwiegermutter Noomi. Der Mann ist ganz erstaunt: „Das ist ja eine besondere Solidaritätsbekundung zwischen zwei Frauen – wusste ich gar nicht.“ Er lächelt und geht zufrieden weiter.
In einem der Räume erfahre ich viel über die Stimmung der damaligen Zeit und stelle für mich manche Parallelen in der Gegenwart fest. In den Jahrhunderten vor Christi Geburt herrschte im Judentum ein „endzeitliches Fieber“ vor. Für die anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen suchten die Menschen damals Orientierung und Halt in einem göttlichen „Weltplan“. Die verdorbene Welt sollte untergehen und die frommen Menschen sollten gerettet werden. Jesus war einer der damaligen Hoffnungsträger: Er durchbrach die Erwartungen und forderte nicht Unterwerfung und Gewalt, sondern Liebe und Dienen. Ein Vorbild für uns auch heute!
Mein Fazit: Ein Besuch der Bibelgalerie lohnt sich. Ob für Schulklassen oder Konfirmandengruppen die Bibelgalerie bietet mit ihren interaktiv angelegten Führungen eine sinnvolle Ergänzung zum Schul- bzw. Konfirmandenunterricht. Auch spontane Spurensucher*innen während eines Bodensee-Urlaubs sind in der Bibelgalerie willkommen. Die Bibelgalerie hat geöffnet von Ende März bis Anfang November: Dienstag bis Samstag von 11 bis 13 Uhr und von 14 bis 17 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 14 bis 17 Uhr.
Die Pflanzenwelt im Judentum, Christentum und Islam lässt sich vom 11. Mai bis 6. Oktober 2024 in der Bibelgalerie Meersburg entdecken. In der Sonderausstellung „Paradiesische Pflanzen“ sind großformatige Fotos, Originalexponate und eine Fülle an Naturalien zu sehen – ein weiteres Highlight ist der Meersburger Bibel- und Kräutergarten. Ein umfangreiches Begleitprogramm ergänzt die Ausstellung. Weitere Informationen finden Sie unter www.bibelgalerie.de.


