Eine Mutter erzählt von ihrer schwersten Entscheidung

Hand, die Babyfüsse hält

Am 21. März ist Welt-Down-Syndrom-Tag – ein Tag, der auf die Herausforderungen und Chancen von Menschen mit Trisomie 21 aufmerksam macht. Einer Expertenschätzung zufolge werden in Deutschland jährlich über 1000 Babys mit dem Down-Syndrom geboren. Die Diagnose in der Schwangerschaft stellt viele Frauen vor eine schwere Entscheidung. Michaela Konrad erzählt davon. 

Als Michaela Konrad während ihrer Schwangerschaft die Ergebnisse der Untersuchungen erhält, bricht eine Welt für sie zusammen: Der pränatale Test und die Fruchtwasseruntersuchung haben ergeben, dass ihr ungeborenes Kind einen Gen-Defekt, die sogenannte Trisomie21 oder auch Down-Syndrom hat: „Man fällt erst mal in ein tiefes, schwarzes Loch und mein erster Gedanke war: Ich kann das Kind nicht kriegen.“
 
Konrad ist zu diesem Zeitpunkt 42 Jahre alt. Sie ist von Beruf Architektin, verheiratet und hat eine fünfjährige gesunde Tochter. Ihr Mann und sie haben sich auf das zweite Kind gefreut. Ein Wunschkind. Menschen mit Beeinträchtigungen kennen sie bis dahin nicht.
 
Die Ärztin drückt ihr Flyer von Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen in die Hand. Dort könne sie sich beraten lassen und dann entscheiden, ob sie das Kind bekommen wolle oder nicht.
 
Während der folgenden sechs Wochen geht Michaela Konrad gemeinsam mit ihrem Mann mehrfach zur Beratungsstelle des Diakonischen Werks Karlsruhe.
„Wir wollten uns informieren, wie das ist, wenn man ein behindertes Kind bekommt. Wie geht es weiter, welche Möglichkeiten gibt es überhaupt? Wir wussten nicht, wo es langgeht, kriegen wir das Kind oder kriegen wir es nicht?“
Bei der Beratungsstelle werden sie ausführlich informiert. Michaela Konrad ist froh, dass die Beraterin oft einfach nur zuhört: „Man konnte sich die Ängste und die Sorgen, die man in diesem Moment hat, auch einfach einmal von der Seele reden.“
 
Es sei für sie und ihren Mann eine sehr intensive Zeit mit vielen Aufs und Abs gewesen.
„Mein Mann hat zuerst gesagt, wir schaffen das mit einem behinderten Kind, was ich mir gar nicht vorstellen konnte. Irgendwann ist das gekippt und dann war es gerade andersherum. Am Anfang ging es einen Tag in die Richtung und dann wieder in die andere. Ich habe noch nie so viel mit meinem Mann diskutiert wie in diesen Wochen. Aber dann haben wir uns – auch durch die Gespräche mit der Beraterin - aufeinander zubewegt und entschieden: „Es ist jetzt halt so, wie es ist. Wir kriegen den kleinen Kerl.“
 
In die ein oder andere Richtung gedrängt gefühlt, habe sie sich nie. „Die Beraterin hat uns sehr gut informiert. Wir haben das Für und Wider der einen oder der anderen Entscheidung besprochen, auch wie es uns damit gehen würde. Das hat uns sehr geholfen.“
 
Michaela Konrad erzählt das lächelnd und kämpft trotzdem mit den Tränen. Die Erinnerung an diese schwere Zeit im Jahr 2015 geht ihr nahe. Nachdem sie und ihr Mann die Entscheidung getroffen hatten, nicht abzutreiben, sondern das Kind zu bekommen, sei ihr ein Stein vom Herzen gefallen: „Ich war wie ausgewechselt. Ich habe mich vor den Rechner gesetzt und mir erst einmal Schwangerschaftsklamotten bestellt, weil ich nichts mehr Schrank hatte, was mir gepasst hat. Aber vorher konnte ich das einfach nicht.“
 
Familie Konrad
Familie Konrad
Die weitere Schwangerschaft verläuft normal. Michaela Konrad und ihr Mann freuen sich auf das Baby. Dennoch gibt es Fragen und Zweifel: Wird das Kind schwerere Beeinträchtigungen haben? Wie wird sich das Leben mit einem behinderten Kind auf die Familie auswirken, wie wird die fünfjährige Tochter damit zurechtkommen, wird sie nicht zu kurz kommen? Die wenigen Menschen in ihrem Umfeld, die die Konrads eingeweiht haben, machen ihr Mut: „Ihr schafft das schon.“
 
Im Mai 2016 ist es dann so weit: Der kleine Jakob wird geboren. „Er war ein ganz normales Baby, nur eben mit Down-Syndrom,“ lächelt Konrad. Ihre Tochter freut sich über den kleinen Bruder und nimmt Jakobs Beeinträchtigung gar nicht wahr. Erst viel später erklärt ihr die Mutter, dass Jakob das Down-Syndrom hat und deshalb mehr Unterstützung braucht als andere Kinder.
 
Von Anfang an haben Konrad und ihr Mann viele Termine mit Jakob: Physiotherapie, Heilpädagogik, Logopädie und Ergotherapie unterstützen ihn in seiner Entwicklung.
Jacobs Pflegegrad gibt der Familie die Möglichkeit, gelegentlich einen Babysitter zu engagieren, um auch mal etwas „nur“ mit der älteren Tochter oder als Paar unternehmen zu können.
„Wenn ich damals gewusst hätte, dass es gar nicht so viel anders ist wie mit einem gesunden Kind, hätte ich nicht so viel Angst gehabt oder wäre nicht so schockiert gewesen, als die Diagnose kam.“
 
Für Frauen, die vor der Entscheidung stehen, ein behindertes Kind auszutragen oder nicht, wünscht sich Konrad mehr Aufklärung und einen offeneren Umgang mit dem Thema in der Gesellschaft.
„Wenn ein behindertes Baby zur Welt kommt, wissen viele Menschen gar nicht, wie sie mit einem umgehen sollen. Oft werden nur die möglichen Defizite gesehen. Das ist schade und wird den Kindern nicht gerecht“, sagt Konrad.
 
Inzwischen geht Jakob in eine inklusive Grundschule. „Er ist sehr motiviert und will alles selbstständig machen“, lacht die Mutter. Dass ihr Sohn vermutlich nie ganz ohne Unterstützung leben kann, ist ihr und ihrem Mann bewusst.
Für die Zukunft wünscht sie sich: „Dass Menschen mit Behinderung die gleichen Chancen bekommen wie Menschen ohne Behinderung. Und dass Inklusion einen festen Platz in unserer Gesellschaft bekommt, damit Menschen mit Behinderung gesellschaftliche, schulische und berufliche Teilhabe ermöglicht wird.“
 
Ihre Entscheidung für das Kind hat Michaela Konrad nie bereut.

(Zuerst veröffentlicht: 10.04.2024)
 
 
Weitere Informationen und Beratungsstellen für Schwangerschaftskonflikte finden Sie hier: https://www.familienplanung.de/beratung/beratungsstelle-finden/