„Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte …“ Ach schön! Aber: Warum ist das Band, das der Frühling so frank und fröhlich flattern lässt (zumindest in Eduard Mörikes berühmtem Gedicht) eigentlich blau? Mörike war kein Romantiker, aber die Romantik lag in der Luft, und die Romantiker suchten ja, wohin immer sie gingen und kamen, die „blaue Blume“ – ein Symbol der Sehnsucht nach Liebe, nach Geheimnis und Lebendigkeit. Vielleicht ist des Dichters Frühlingsband darum in Blau gehalten: Weil er sich sehnt, nach Wärme, Duft und Frühlings Erwachen. Weil es nun endlich losgehen soll mit Lust und Leben. Das kann ich verstehen.
Blau ist – seit alters und in vielen religiösen Traditionen – die Gottesfarbe. Achten Sie einmal darauf: In manchen Bildern der religiösen Kunst kleidet Gott sich bevorzugt in Blau. (Nebenbei und mit strenger Miene gesagt: Wer aber meint, dass er, wenn er sich blau säuft, Anteil habe an göttlichen Eigenschaften – eine gewisse Leichtigkeit des Seins etwa –, der täuscht sich gewaltig. Blau-Sein ist nur ein Abklatsch, eine schale Ahnung. Am nächsten Morgen ist es dann mit der Leichtigkeit eh vorbei! Das gilt übrigens auch für die, die blau wählen …).
Blau. Das liegt durchaus nahe, da hat Gott einen guten Geschmack (auch ohne himmlische Farbberater). Blau ist die Himmelsfarbe, blau sind die Weiten zwischen den Wolken. Da wohnt Gott ja, da steht sein Thron, vielleicht auch ganz in Blau gehalten, damit wir ihn nicht gleich finden. Wär ja noch schöner! Schön immerhin, dass Gott wenigstens in den Frühling etwas Himmelsblau eingießt, dann haben wir ein wenig Anteil daran.
Was natürlich alles Quatsch ist. In Wahrheit ist Gott dem Frühling gerade so nahe oder fern wie dem Sommer, wie Herbst und Winter. Außerdem ist die eigentliche Frühlingsfarbe doch Grün (oder Gelb wie Narzissen, Violett wie Flieder oder Weißrosa wie die ersten Apfelblüten) Blau? Das wäre eine echte Einschränkung. Wo Gott ist, da geht es bunt zu!
„Licht ist dein Kleid, das du anhast!“ heißt es treffend im 104. Psalm. In einer Farbe geht Gott nicht auf, und in einer einzigen Farbe keine Jahreszeit, kein Mensch und die ganze Welt nicht. So bunt Gott ist, dass sich alle Farben in ihm brechen und aufstrahlen wie ein Regenbogen, so bunt sind wir. Vielfalt ist seine Lust.
Für diese Lust will der Frühling uns werben, mit bunten Wiesen und leuchtenden Rapsfeldern, mit der kleinen Tulpe, die trotzig das Haupt hebt, und einem süßen Dufthauch, der abends sogar durch die Straßen zieht. Er wirbt im Namen Gottes, der „Gras wachsen lässt für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen“, der will, dass „der Menschen Antlitz schön werde“ (Psalm 104). Ich werde mich wohl werben lassen! Jetzt, wo der Frühling sein buntes Band wieder flattern durch die Lüfte lässt.
