„Man kann nicht alles planen“ – Seelsorge im Alter

Alter Mann auf einem Stuhl mit Ball in der Hand

Beratung & Seelsorge & Diakonie

Wie will ich meinen Ruhestand verbringen? Wie stelle ich mir mein Leben vor, wenn ich nicht mehr aktiv sein kann? Wie werde ich es empfinden, wenn ich mehr und mehr Unterstützung brauche? 
Urte Bejick kennt die Bedürfnisse alter Menschen. Viele Jahre hat sie diejenigen zusammengebracht und fortgebildet, die als Seelsorgerinnen und Seelsorger in Alten- und Pflegeheimen tätig sind. Seit kurzem ist sie selbst „in Rente plus Teilzeitarbeit“. Wie sie den Übergang erlebt und wie sich ihr Blick auf das Alter verändert hat, hat sie uns erzählt.

Ihre Mutter war lange im Altenpflegeheim. „Das war noch in den Zeiten, wo es hieß: ‚Die Tochter schiebt die Mutter ab.‘ Da habe ich gemerkt, wie wichtig es ist zu sehen, dass Angehörige durchaus tun, was sie können.“ Und noch etwas ist der Theologin Dr. Urte Bejick schon Ende der 90er Jahre aufgefallen: „Auch für Menschen, die nicht besonders stark religiös oder kirchlich geprägt sind, kann ein regelmäßiger Gottesdienst und dass jemand von der Kirche für sie da ist, plötzlich wichtig werden.“
Urte Bejick hat damals schon beim Diakonischen Werk Baden gearbeitet. Den Bereich „Altenheimseelsorge“ mitaufzubauen, war jedoch „Pinonier:innen-Arbeit.“

Was ist „Altenheimseelsorge“? 

Seither hat sich viel getan. Es gibt Fortbildungen für Haupt- und Ehrenamtliche, die in Alten- und Pflegeheimen als Seelsorger:innen tätig sind. Dass sich die Seelsorger:innen austauschen können, war Urte Bejick von Anfang an ein großes Anliegen. Das wird auch digital angeboten.
Neue Möglichkeiten sieht sie durch die Zusammenarbeit in Kooperationsräumen: gemischte Teams aus Haupt- und Ehrenamtlichen können die „seelsorgerliche Grundversorgung“ in den Altenhilfeeinrichtungen übernehmen.
 
Folgende Eigenschaften braucht man als Altenheim-Seelsorger:in auf jeden Fall: Geduld und die Fähigkeit, sich auch auf die Langsamkeit von Menschen einzustellen. „Manchmal brauchen die Menschen einfach länger, bis sie sich öffnen oder bis sie ein Thema finden, über das sie reden möchten.“ Dann kann auch eine gewisse Hartnäckigkeit gefragt sein. Unerlässlich sind Zuversicht und Neugier. „Eine gewisse Zuversicht, die Menschen, die keine mehr haben, auch mitreißt, also eine stellvertretende Hoffnung, das halte ich für wichtig. Und die Neugier auf andere Menschen und deren Lebensgeschichten.“  
 
Porträt
Urte Bejick

Quelle: Gülay Keskin

Für die Menschen, die in den Alten- und Pflegeheimen leben, sind die Besuche und Gottesdienste von haupt– oder ehrenamtlichen Seelsorger:innen ein wichtiges Signal. „Wenn jemand von außen kommt und Interesse an den Menschen um ihrer selbst willen hat, heißt das auch: Ich habe Zeit für dich. Mir kannst du erzählen, was dich beschäftigt. Du bist wertvoll.“ Der Umzug in ein Pflegeheim ist häufig mit einer Reihe von Verlusten verbunden: Ich bin nicht mehr mobil. Ich habe Schmerzen. Mir fehlt die Struktur. Ich habe Menschen und meine bisherige Heimat verloren. Urte Bejick ist davon überzeugt, dass Seelsorge Bewohnerinnen und Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen Stabilität bieten kann: „Wir haben Zukunfts- und Hoffnungsbilder, die Menschen bestärken können.“  

Sich mit dem Alter auseinandersetzen

Gibt es den richtigen Zeitpunkt, um sich mit dem Thema „Alter“ auseinanderzusetzen? Urte Bejick lacht: „Na ja, das ist immer eine Trockenübung. Vor 10 Jahren habe ich auch noch anders darüber geredet. Ich hätte bestimmt was ganz Weises gesagt, wie man sich vorbereiten kann. Jetzt, wo ich selber älter bin, muss ich ehrlich sagen, dass ich es auch manchmal wegdränge.“
 
Alter ist ein kontinuierlicher Prozess. „Im Unterschied zu früher habe ich heute ein Erfahrungsset. Ich kann manche Situationen gelassener nehmen, weil ich weiß, wie ich reagiere oder wie ich reagieren könnte. Einerseits muss das dann nicht mehr zu solchen Riesenaufregungen führen, wie ich sie aus meinen jungen Jahren kenne. Auf der anderen Seite sollte man sich bei aller Gelassenheit und Betonung der Resilienz auch eine gewisse Verletzbarkeit erhalten.“
 
Auch gesellschaftlich hat sich der Blick auf das Alter verändert. Das zeigt sich beispielsweise im Umgang mit Demenz. „Da war zunächst viel Hilflosigkeit. Heute stellt man es nicht mehr in Frage, dass Menschen mit Demenz noch Freude am Leben haben. Dazu hat auch die Seelsorge viel beigetragen. Man weiß, dass sie ihre ganz eigene Spiritualität entwickeln können, in der Rituale, Gesten und Berührungen eine große Rolle spielen.“
 
Urte Bejick plädiert für mehr Begegnung zwischen den Generationen. „Man kann so viel voneinander lernen, auch die Jüngeren von den Älteren. Zum Beispiel: Wie kann ich mit Krisen umgehen? Wie verarbeite ich Verluste? Wie schöpfe ich auch aus beängstigenden Situationen noch Freude?“
 
Ihren eigenen Ruhestand geht Urte Bejick pragmatisch an. „Man hat natürlich Idealbilder, wie man selber altern will: Dankbar sein für das, was man noch kann und nicht nur auf das sehen, was nicht mehr geht. Manches mit Humor nehmen. Aber man kann nicht alles antizipieren oder planen. Ich möchte auch nicht ständig dran denken, dass ich jetzt alt bin. Solange ich kann, möchte ich noch in Teilzeit arbeiten. Aber ich habe mir vorgenommen, offen zu sein für das, was kommt und neugierig zu bleiben.“
 
Sie haben Interesse an einer Ausbildung für Ehrenamtliche in der Seelsorge? Hier können Sie sich informieren.