Eigennamen – Impuls über häufige und besondere Namen

Nahaufnahme von braunen Jukebox-Buchstabentasten

Thomas Weiß

Eigentlich sollte ich ja „Olaf“ heißen, wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, oder „Martin“ (2. Wahl). Meine Mutter hat sich mit „Thomas“ durchgesetzt – ich bin zufrieden. Als Olaf hätte ich wohl Bundeskanzler werden können, aber das ist nicht grundsätzlich erstrebenswert, und mir ist es mit meinem Namen auch so ganz gut ergangen. Er ist übrigens einer der Häufigeren unter den Babyboomern, in meiner Grundschulklasse gab es ihn gleich vier Mal. Vor einem Jahr lag „Noah“ an der Spitze der beliebtesten Namen für Jungen, die meisten Mädchen hießen „Sophia“. Mit denen teile ich immerhin zwei Vokale (was freilich keinerlei Bedeutung hat …).
 
Gott hat auch einen Namen. Für mich jedenfalls: Gott. „Gott“ ist für mich nicht nur die Bezeichnung für ein recht schwer zu fassendes himmlisches Wesen der dritten, jedenfalls der besonderen Art. Für mich ist „Gott“ ein Eigenname, so spreche ich ihn und sie gerne an – und duze ihn und sie dabei.
Ein Eigenname ist das hebräische „Adonai“ doch eigentlich auch, das für den unaussprechlichen, überaus heiligen Gottesnamen der Bibel steht. Und es hat in manchem hebräischen oder jiddischen Lied, in mancher jüdischen Erzählung einen geradezu intimen Klang. Da sind sich zwei vertraut. Mit geht das auch so, wenn ich „Gott“ sage: zärtlich manchmal, achtsam, zornig manchmal oder fragend.
 
Gott nennt uns auch beim Namen: „Als Gott den Menschen schuf, machte er ihn nach dem Bilde Gottes und schuf sie als Mann und Frau und gab ihnen den Namen ‚Mensch‘.“ heißt es gleich am Anfang der Bibel (1. Mose 5,1+2). Und mit diesem Namen geht das weiter: „Mensch, Mensch, höre des Herrn Wort“ (Jeremia 22) oder „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist.“ (Micha 6,8).
 
Wie jetzt? Ist das nicht doch etwas pauschal und bloß ein – meinetwegen göttlicher – Gattungsbegriff: Mensch, im Allgemeinen und schlechthin, über einen Kamm geschoren, in Bausch und Bogen?
Nein, ist es nicht: Wenn Gott „Mensch“ sagt, dann meint er nicht alle miteinander oder den, die Menschen an und für sich. Wenn er „Mensch“ sagt, meint er dich und mich, jede und jeden einzelnen. Denn: Er weiß um jede und jeden, er kennt uns persönlich. „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind!“ ermutigt Jesus uns einmal (Lukas 10,20) – und sagt damit mit erstaunlicher Einfachheit, dass sie es sind. Ist das nicht erstaunlich und beglückend: Petra und Irina, Pedro und Irvin, Aischa und Mustafa, Bodhi und Luan, Delilah und Amari, die Mandy und der Horscht – sie alle sind aufgezeichnet in Gottes Herzen.
 
Da macht‘s doch gar nichts, dass ich nicht Olaf heiße und nicht Bundeskanzler geworden bin, sondern halt der Thomas, so wie er ist. So hat Gott Acht auf ihn.
Und am Ende werde ich – meint der Berliner Autor Ralf Rothmann einmal sinngemäß in einem Gedicht – nicht gefragt werden, ob ich wie Jesus oder sonst wer war, sondern ob ich ich gewesen bin. Welch Ermutigung zu uns selbst!
 
  

Thomas Weiß

Kirchenrat i. R.

Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
 

Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung