Nach fünf Jahren Vorbereitung, Planung und Bauzeit ist es im Juni 2024 endlich so weit: Die neue Orgel in der kleinen Wehrkirche in Dertingen in der Nähe von Wertheim ist aufgebaut und bereit gespielt zu werden. Warum sie gebraucht wurde und worauf es beim Orgelbau ankommt, lesen Sie in unserer Story.
Ein harmonisches Orgelgemälde – Die neue Orgel für Dertingen

Gottesdienst & Kirchenmusik
„Es war unglaublich schön zu hören, wie Raum und Klang jetzt eine Einheit bilden, ganz anders als das vorher mit dem alten Instrument der Fall war.“ Martin Kares, Orgelexperte der Evangelischen Landeskirche in Baden, gerät ins Schwärmen, wenn er von der neuen Orgel in der Wehrkirche in Dertingen erzählt. Er hat das Instrument bei der Bauabnahme im Juni gespielt, um sich von der Klangqualität zu überzeugen. „Das war unglaublich inspirierend, ich habe angefangen zu spielen, auszuprobieren und zum Schluss habe ich barocke Opernarien mit Orchester improvisiert.“
Mit rund 1000 Pfeifen gehört die neue Dertinger Orgel eher zu den kleineren Instrumenten, verglichen mit den etwa 4000 Orgelpfeifen, die in der Stiftskirche im nahegelegenen Wertheim verbaut wurden. „Aber auf die Größe kommt es nicht an“, erläutert Martin Kares. Wichtig ist, dass die Orgel von Klang und Dimension her in den Kirchenraum passt. „Das Vorgängerinstrument war überdimensioniert und hat den Raum optisch erschlagen. Auch der Klang hat nicht gestimmt, das war eher ein Registerfriedhof als ein beseeltes Klangerlebnis.“
Über ein Jahr hat der Bau der neuen Orgel gedauert. Zweieinhalb Monate war Orgelbauer Tilman Trefz vor Ort, um das Instrument aufzubauen und klanglich abzustimmen. Ca. 400 Pfeifen konnte er aus der alten Orgel übernehmen. Allerdings musste jede einzelne davon so bearbeitet werden,
dass sie sich in gut in das vorgesehene Klangbild einfügt. „Das ist wie Gesangsunterricht für Orgelpfeifen“ lacht Kares.
Wie soll sie klingen? Das ist eine der wichtigsten Fragen, wenn es um den Bau einer Orgel geht. Bei der Ausschreibung wird überlegt, welche Klangfarben das Instrument haben soll. Bestimmt wird das durch die Anzahl und Zusammensetzung der Registerfamilien, z. B. Flöten, Streicher oder Trompeten. Denn als größtes akustisches Musikinstrument ist die Orgel in der Lage andere Instrumente gewissermaßen zu imitieren. „Es gibt nichts Vergleichbares und deshalb wird die Orgel auch als Königin der Instrumente bezeichnet“ so der Orgelexperte.

200.000 Euro samt Nebenkosten waren für das Instrument veranschlagt, eine hohe Investition für ein kleine Gemeinde mit insgesamt knapp unter 900 Einwohnern. Das sei aber angesichts der wertvollen Ausstattung der Dertinger Wehrkirche durchaus gerechtfertigt: „Man kann zu diesem wertvollen Flügelaltar aus der Schule Riemenschneiders halt kein Pappklavier dazustellen. Das war auch den Verantwortlichen bewusst“ sagt Martin Kares. Von der Landeskirche erhielt die Gemeinde einen Zuschuss von 30.000 Euro, den Löwenanteil hat sie durch Fundraising und Spenden eingeworben. Kritik an der Investition hat es keine gegeben. Die Dertinger seien richtig stolz auf die neue Orgel. „Viele Gemeindeglieder haben den Orgelbauer während des Aufbaus täglich mit Kaffee und Kuchen versorgt“ schmunzelt Kares. Außerhalb der Gottesdienste soll das neue Instrument künftig in Konzerten erklingen. An einem Konzept für den Konzertbetrieb wird gearbeitet. Außerdem wird es von den Orgelschülern des Bezirkskantorats zum Üben genutzt.
Am 14. Juli wird die neue Orgel in einem Festgottesdienst eingeweiht.
