Vom Geflüchteten zum Altenpflegehelfer: Wie Integration gelingt

Vor den Landtagswahlen im September rücken die Themen Flucht und Migration stärker in den Fokus. Manche Menschen sehen Geflüchtete als Problem und Bedrohung für den eigenen Wohlstand und haben Angst vor Überfremdung. Unsere kleine Reihe zum Thema Flucht und Migration räumt auf mit Mythen und Vorurteilen. Im zweiten Teil zeigen wir, wie Integration gelingen kann.
Sinclair Loic Tchamko-Fongang strahlt, als er den Besprechungsraum des Seniorenzentrums Neuried betritt. Seit Oktober 2023 macht er dort eine Ausbildung als Altenpflegehelfer. Dass ihm die Arbeit Spaß macht, spürt man, wenn er davon erzählt: „Für mich ist das super, mit alten Menschen zusammen zu sein, Ihnen zu helfen und mit Ihnen zu reden.“ Loic, wie ihn hier alle nennen, ist erst seit Mitte Januar 2023 in Deutschland und spricht so gut Deutsch, dass er sich mit den Bewohnerinnen und Bewohnern unterhalten und dem Unterricht in der Schule folgen kann. Der 28-Jährige stammt aus Kamerun, hat dort ein Semester Informatik studiert und eine Ausbildung als Grafiker absolviert. Weil er für einen Radiojournalisten arbeitete, der ermordet wurde, sah er sich gezwungen, sein Land zu verlassen. „Eine lange und schwierige Geschichte“, wie er selbst sagt. Er kommt schließlich nach Deutschland und lebt die ersten Monate in Asylunterkünften. Eine Vorstellung vom Leben in Deutschland hatte er vorher nicht. „Ich habe erst hier Deutsch gelernt. In dem Heim in Sigmaringen haben wir zwei bis dreimal pro Woche Deutschkurs gehabt. Ich habe mir aber zusätzlich mehrere Bücher gekauft und auch mit Youtube-Videos in meinem Zimmer geübt. Ich wollte unbedingt schnell Deutsch lernen.“
"Man kann alles schaffen, wenn man es probiert und lernen will"
Von einer weitläufigen Bekannten, die selbst eine Ausbildung im Seniorenzentrum in Neuried absolviert hat, erfährt er, dass Auszubildende für die Altenpflegehilfe gesucht werden. Er bewirbt sich spontan. Hausdirektor Jürgen Hammel stellt ihn ein und setzt sich bei den Behörden dafür ein, dass Loic eine Arbeitserlaubnis bekommt, damit er die einjährige Ausbildung machen kann.
Pflegedienstleiterin Olga Gruninger erinnert sich: „Am Anfang war es noch nicht ganz sicher, ob Loic mit dem praktischen Teil der Ausbildung hier im Seniorenzentrum anfangen kann, weil die Arbeitserlaubnis noch nicht da war. Aber dadurch, dass die Azubis, die am 1. Oktober anfangen, sowieso erst einmal in die Berufsschule müssen, hat das dann doch noch irgendwie hingehauen.“
Schnell wird klar, dass Loic Tchamko-Fongang ein engagierter Auszubildender ist. „Von
vornherein hat man relativ schnell gemerkt, dass er schnell und gute Fortschritte macht. Die Schule hat das bestätigt. Und wenn er hier durch die Wohnbereiche hüpft, dann verbreitet er einfach gute Laune, auch bei den dementen Bewohnern“, erklärt Gruninger lächelnd.
vornherein hat man relativ schnell gemerkt, dass er schnell und gute Fortschritte macht. Die Schule hat das bestätigt. Und wenn er hier durch die Wohnbereiche hüpft, dann verbreitet er einfach gute Laune, auch bei den dementen Bewohnern“, erklärt Gruninger lächelnd.
Die Ausbildung sei nicht einfach. Sie sei generalisierter als früher, man müsse viel schneller lernen und sich auf andere Aufgaben einstellen. „Ich wollte sie nicht machen. Und wenn man dann vielleicht noch ein Sprachdefizit hat - wer das durchzieht und schafft, vor dem habe ich größten Respekt“, sagt die examinierte Krankenschwester.
Deshalb ist die Schule auch für Loic kein Selbstläufer. Vor den Prüfungen im September hat er „ein bisschen Angst“. Aber er ist sicher, „man kann alles schaffen, wenn man es probiert und lernen will“.
Im Gegensatz zu seinem Heimatland Kamerun seien die Arbeitsbedingungen in Deutschland besser. „Bei uns in Kamerun ist das viel härter. Wir müssen die ganze Woche schaffen, nur am Sonntag ist frei. Ich habe in einer Druckerei gearbeitet, dort fingen wir um 8 Uhr morgens an und arbeiteten oft bis 22 Uhr abends.“
Das Seniorenzentrum Neuried leidet - wie viele Pflegeeinrichtungen - unter Fachkräftemangel und wirbt deshalb zusammen mit dem Träger, der evangelischen Heimstiftung, verstärkt auszubildende Pflegefachkräfte aus dem Ausland an. Damit sie sich wohlfühlen und gut integrieren können, hat das Seniorenzentrum eigens eine Wohnung angemietet. Auch Loic hat ein Zimmer in der Wohngemeinschaft der fünf Auszubildenden. Bei Behördengängen, der Eröffnung eines Bankkontos und allen Fragen rund um das tägliche Leben hilft eine Sozialarbeiterin.
Die Voraussetzungen sind also gut, dennoch tun sich nicht alle Auszubildenden so leicht wie Loic. Für die Mentoren und Mentorinnen (speziell für die Ausbildung qualifizierte Pflegefachkräfte) ist der Aufwand hoch. Als Ausbilder:innen vor Ort leiten sie an, sind Ansprechpersonen für die Schule und die erste Anlaufstelle bei Problemen. Der Aufwand sei bei den Azubis mit Migrationshintergrund auf jeden Fall höher und erfordere viel Engagement. Dass sich das lohnt, zeigt das Beispiel einer Pflegefachkraft mit Migrationshintergrund:
„Eine Kenianerin hat bei uns die Ausbildung zur Pflegefachkraft gemacht und wird jetzt sogar als Mentorin eingesetzt, obwohl sie sich das selbst erst gar nicht zugetraut hat. Gerade wenn Mentoren auch einen Migrationshintergrund haben, ist das sehr motivierend für die Schüler“, sagt Gruninger.
Sie hat keinen Zweifel daran, dass Loic die Abschlussprüfung schaffen wird. Schon in den ersten Monaten sei klar geworden, dass in ihm noch mehr Potential steckt. „Wir haben ihm angeboten, dass er danach noch die dreijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft machen kann. Dann gehen wir wieder gemeinsam auf die Reise“, schmunzelt Gruninger.
Sinclair Loic Tchamko-Fongang selbst hat große Pläne: „Ich will die dreijährige Ausbildung machen und in Deutschland bleiben und arbeiten. Ich hoffe, dass dann auch meine Freundin und mein Sohn zu mir kommen können.“
Informationen und Beratungsangebote für Geflüchtete, Migrant*innen und Arbeitgeber*innen finden Sie im Arbeitsfeld Flucht und Migration
Informationen zu Ausbildungsplätzen der Evangelischen Heimstiftung

