Schlagworte – Impuls über unsere Sprache

Silhouette von zwei Personen, die in der Dämmerung auf Stühlen in der Nähe eines Baumes sitzenn

Thomas Weiß

Jetzt passen Sie mal gut auf! Besser vielleicht, Sie gehen in Deckung – mag sein, Sie kriegen dann nichts ab. Obwohl: Die begegnen uns ja allenthalben, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Wenn’s dich erwischt, erwischt‘s dich – und dann gnade dir Gott.
Was ich meine: Es gibt Worte, die sind einfach brutal. Dabei habe ich gar nicht die üblichen Schimpfwörter im Sinn (Armleuchter, Depp) oder derbe Flüche (Verdammt nochmal!), fiese Verbalinjurien (idiotisch, pfäffisch) oder hochmütig Despektierliches (Na, Kleiner? Du Opfer!); nein, mir geht’s um die, die ganz alltäglich daherkommen, aber sehr gewaltsam wirken.
 
„Alternativlos“ ist ein solches Wort, das keinen Widerspruch mehr duldet, oder die „Freistellung eines Mitarbeitenden“, die den, der da rausgeschmissen wird, doch nur verhöhnt (genau wie bei „Remigration“). Ein Wort wie „Arbeitsverweigerer“ will weh tun, und wer Menschen „abartig“ nennt – wie es rechte Politiker*innen wieder tun –, will sie ganz bewusst ins Abseits stellen.
 
Da gibt es viele Worte, die im wahrsten Sinne „Schlagworte“ sind, die ganz selbstverständlich oder mit Kalkül Gewalt ausüben, die „Schlagzeilen“ produzieren, um Menschen zu verletzten und abzuwerten.
Keine und keiner ist sicher, ob es sie oder ihn nicht auch mal trifft. Und dann gnade dir Gott.
 
Genau! Das ist’s, was hilft, was Sprache verändern und Menschen schützen kann.
Das alte Wort „Gnade“ kommt aus dem Mittelhochdeutschen und leitet sich von „Nähe“ und „Nah-sein“ her. Gottes Gnade (von der in der Bibel tausendmal die Rede ist und nicht einmal gewaltsam) bedeutet: Gottes Einfühlsamkeit, Gottes Zugewandtheit. Wenn Gott spricht, spricht er an – und über niemanden hinweg; wenn er sich zuwendet, dann sensibel und aufmerksam, nicht mit Schlagworten und mit „schlagenden Argumenten“. O ja, die Bibel kennt überaus deutliche Worte (Du sollst nicht: töten, lügen, stehlen …), aber die möchten werben, nicht zwingen.
 
Ich glaube, dass auf Gnadenworte statt auf Schlagworte zu hören, unsere Sprache verändern wird. Es wird ja allgemein beklagt, dass unsere Sprache verroht, die Sozialen Medien denkbar unsozial geworden sind. Gegen den Lärm der Meinungsschleudern und der Hasstiraden nützt, glaube ich, zu tun, was Gott tut. Er hört und schaut, bevor er spricht. Er hat den Menschen im Blick, den er anspricht. Er hat nicht immer das letzte Worte (allerdings das erste, in dem er feststellte, dass er seine Erde gut geschaffen hat – mit allen Möglichkeiten, ein friedlicher Planet zu sein).
So gnade uns Gott!
 
  

Thomas Weiß

Kirchenrat i. R.

Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
 

Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung