Frauen in den Mittelpunkt stellen, ihre Rolle in Gesellschaft und Kirche bedenken – das will der Frauen*sonntag. In vielen Gemeinden in der Badischen Landeskirche wird er im September begangen. Warum das auch im Jahr 2024 noch dringend nötig ist, erfahrt ihr in unserem Beitrag.
Als ich geboren wurde, hat meine Mutter mit der Erwerbsarbeit aufgehört. Sie hat sich fortan um mich, den gesamten Haushalt, die Eltern und Schwiegereltern, die Urlaubsplanung der Familie, mögliche Anschaffungen und vieles mehr gekümmert, während mein Vater das Geld verdiente. Klassische Rollenteilung. Ich hatte zwar nicht den Eindruck, dass sie damit unzufrieden war, aber später hat sie gesagt: „Das würde ich so nicht mehr machen.“
Unsichtbarkeit von Care-Arbeit
Wie ist Care-Arbeit heute verteilt? Kinder versorgen, ältere Menschen unterstützen, sich um Haus und Garten kümmern – diese Arbeiten werden immer noch hauptsächlich von Frauen erledigt, obwohl die meisten von ihnen erwerbstätig sind.
Für eine funktionierende Gesellschaft sind Care-Tätigkeiten unerlässlich. Trotzdem erhalten sie nur wenig Anerkennung. Im beruflichen Care-Sektor wird die fehlende Wertschätzung durch eine vergleichsweise geringe Bezahlung und häufig schlechte Arbeitsbedingungen spürbar. Die unbezahlte Care-Arbeit im privaten Bereich wird oft gar nicht als Arbeit wahrgenommen. Sie ist „unsichtbar“ oder wird als selbstverständlich angesehen, obwohl sie viel Zeit, Engagement und Verantwortung erfordert. Dieser „Unsichtbarkeit“ von Care-Arbeit soll mit dem Frauen*sonntag 2024 entgegengewirkt werden.
„Kümmert es dich denn gar nicht?“
Der Frauen*sonntag hat in Baden eine lange Tradition. Seit mehr als 100 Jahren gestalten Frauen – in der Regel am dritten Sonntag im September - einen Gottesdienst und schauen aus ihrem Blickwinkel auf einen biblischen Text.
Porträt Dr. Urte Bejick
Quelle: Gülay Keskin
Die Theologin Dr. Urte Bejick hat sich für den Frauen*sonntag 2024 mit der biblischen Erzählung von Maria und Marta (Lukas 10, 38-42) auseinandergesetzt. Darin wird berichtet, dass Jesus die Schwestern Maria und Marta besucht. Marta ist umtriebig, umsorgt ihn und seine Begleiter*innen, während Maria ihm zu Füßen sitzt und seinen Worten lauscht. Zufrieden ist Marta damit nicht, denn sie beschwert sich bei Jesus: „Herr, macht es dir nichts aus, dass meine Schwester mich alles allein machen lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!“ (Lukas 10, 40; BasisBibel) Das lehnt Jesus ab. Mit den Worten „Marta, Marta! Du bist besorgt und machst dir Gedanken um so vieles. Aber nur eines ist notwendig; Maria hat das Bessere gewählt, das wird ihr niemand mehr wegnehmen.“ (Lukas 10, 41-42) rechtfertigt er Marias Verhalten.
Warum wird Martas Dienst gegenüber dem stillen Zuhören an die zweite Stelle gesetzt? Wie ist diese Geschichte zu verstehen? Ist sie ein Beispiel für die notwendige Work-Life Balance. Greift Jesus gar das klassische Rollenbild an? Werden die zwei Lebensmodelle „vita activa“ und „vita complentativa“ gegeneinander ausgespielt?
Urte Bejick zeigt in ihrem Beitrag in der Arbeitshilfe zum Frauen*sonntag 2024 verschiedene Auslegungen der Erzählung von Maria und Marta. Ihr ist bewusst: „‘Maria und Marta‘ ist keine Geschichte über Care-Arbeit, sie kann daher auch keine Antworten geben, wie Care heute zu denken und organisieren ist.“ Aber Care-Arbeit ist unerlässlich. Kinder, Kranke und Ältere müssen versorgt und unterstützt werden. „‘Kümmert es dich denn gar nicht?‘ fragt Marta. Kümmert es uns als Gesellschaft?“ Dass die Regelung der Care-Arbeit nicht im Privaten bleibt, sondern öffentlich neu gedacht und bewertet wird, ist das Anliegen des Frauen*sonntags 2024.
„Frauenzeit“ heißt eine Gruppe in Salem am Bodensee, die sich jeden zweiten Monat zu einem Themenabend trifft. Seit ein paar Jahren bereiten sie auch den Gottesdienst zum Frauen*sonntag vor. Ursel Hefler, die Initiatorin der Gruppe, berichtet: „Wir beginnen mit einem Frühstück. Anschließend richten alle zusammen den Gottesdienstraum. Jede und jeder muss den Stuhl selbst tragen. Es gibt niemanden, an den die Arbeit delegiert werden kann.“ Die Gruppe hat sich intensiv mit der Ungleichverteilung der Care-Arbeit beschäftigt. Für den Gottesdienst sind ein Bibliolog* sowie eine Spielszene zwischen Maria und Marta entstanden. Über Statements wie „Frauen leisten mehr unbezahlte Arbeit als Männer“ oder „Die gesellschaftliche Wertschätzung der Care-Arbeit muss sich ändern“ wollen die Frauen aus dem Vorbereitungsteam dann mit den Gottesdienstteilnehmenden ins Gespräch kommen.
Quelle: Charlesdeluvio/Unsplash
Was kann ich tun?
In meiner eigenen Familie gibt es keine klassische Rollenteilung. Die Care-Arbeit ist weitgehend nach persönlichen Vorlieben aufgeteilt - und teilweise an Dritte delegiert. Es tut also auch mir gut zu fragen, was ich dazu beitragen kann, dass sich an der ungleichen Verteilung der Sorgearbeit etwas ändert.
Die Evangelischen Frauen in Baden raten dazu folgendes:
Mache dir bewusst, welche Aufgaben in deiner Familie oder in deinem Haushalt gemacht werden müssen. Überlege, ob die Arbeit fair verteilt ist. Sprich mit den anderen Mitgliedern deiner Familie oder deines Haushalts darüber.
Bringe Menschen, die (bezahlte oder unbezahlte) Care-Arbeit leisten, Wertschätzung für ihre Arbeit entgegen.
Setze dich für die bessere Bezahlung von Pflegekräften ein.
Hinterfrage Geschlechterrollen und Klischees.
*Bibliolog ist eine interaktive Methode, bei der Teilnehmende in die Rollen von Figuren biblischer Texte schlüpfen. Sie reagieren aus deren Perspektive auf Fragen der leitenden Person, um so den Text lebendig und persönlich erfahrbar zu machen. Diese Methode wurde vom Theologen Peter Pitzele entwickelt und verbindet psychologische Ansätze mit kreativer Bibelauslegung. Sie fördert ein tieferes spirituelles Verstehen durch aktive Beteiligung.