Was ist notwendig? – Impuls zum Frauen*Sonntag 2024

Dr. Urte Bejick
„Marta, wo sind denn die Linsen? Und das Salz? Marta, kommst du mal? Ist das der richtige Topf? Was, du kannst jetzt nicht? Bitte, ich bin Gast, muss hier auf einmal für über 10 Leute kochen, da werde ich wohl noch fragen dürfen? Marta?“
Was wäre, wenn Marta spontan den Worten Jesu gefolgt wäre, sich einfach gesetzt oder sich einfach mal hingelegt hätte? Fischer Petrus weiß zu grillen und hätte in der Küche nicht die schlechteste Figur gemacht.
Die Erzählung von „Maria und Marta“ (Lukas 10, 38-42) wird gerne als Geschichte der rechten Balance von Arbeit und Muße, Hören und Tun gelesen. Maria und Marta, das sind Anteile in uns selbst. Und waren bei aller Stilisierung doch einmal reale Menschen, die es mit ganz realen Menschen zu tun hatten, mit 13 hungrigen und müden Wanderpredigern und womöglich ihrem Gefolge aus Männern und Frauen.
„Eins aber ist not“ (Lukas 10,42) - da haben blasenbedeckte Füße, schmutzige Kleidung, ausgedörrte Kehlen und leere Mägen ihre eigene Meinung. Und was wäre aus der Jesusbewegung geworden ohne die Gastfreundschaft in den Häusern. Welchen Erfolg hätte ein Paulus gehabt ohne die Männer und vor allem Frauen, die ihn aufnahmen und versorgten? Der Mensch lebt nicht vom Wort allein. Die Kirche auch nicht - was wäre sie ohne organisierte und spontane Diakonie, wie sähe eine Gesellschaft aus, ohne Martas, die sich kümmern, ohne Menschen, die erziehen, pflegen, versorgen, putzen, kochen?
„Eins aber ist not“ - „Maria und Marta“ ist eine Geschichte gegen das Zersorgen, die Resignation vor der Wucht der Aufgaben, auch eine Geschichte für Frauen, um sich von der alleinigen Verantwortung für das Wohl anderer zu befreien. Aber da ist das Kind, das schreit, da ist die gehbehinderte Nachbarin, die eigene Mutter, die sich nicht mehr zu helfen weiß …
Eine Lösung bietet die biblische Geschichte nicht an. Marta beklagt sich über Maria. Die rührt keinen Finger und wer versorgt die Gäste: Die Mägde im Haus? Auch mal einer der Jünger, gar Jesus selbst? „Eins aber ist not“ - wir müssen selbst suchen und erproben, was in unserer Gesellschaft „notwendig“ ist: Welchen Stellenwert haben „haushaltsnahe Arbeiten“, haben Erziehung und Pflege - in Institutionen und im privaten Bereich? Welchen Stellenwert hat bezahlte und vor allem unbezahlte Care- und Kümmerarbeit? Welchen Wert haben unterstützende, sorgende Gemeinschaften? Und was ist in unserer jeweiligen Kirchengemeinde von Nöten?
Marta „zersorgt“ sich - und wir haben wahrhaft viele Sorgen im privaten Leben, in Kirche, Gesellschaft und Politik. Kann man ja doch nichts machen? Was ist not - gerade jetzt, was ist bewältigbar und träumbar? Die Geschichte von „Maria und Marta“ ist zu schade, um im Bereich Ratgeberliteratur unter „Work-Life-Balance“ abgestellt zu werden. Mit all ihren offenen Fragen ist sie eine politische Geschichte: Was braucht unsere Gesellschaft und was unser konkretes Umfeld, Quartier und Nachbarschaft? Warum wird die Verteilung von Sorgearbeit als Schwesternstreit inszeniert? Wo bleiben die Männer und nicht nur sie? Wie erfahren Familien, helfende Kreise, Menschen in sozialen Berufen Entlastung, ohne dass es auf Kosten abhängiger Menschen geht?
Der diesjährige Frauen*sonntag bietet einen Freiraum, in dem Martas ruhen, feiern und singen können und gemeinsam anderen Frauen und Männern denken und diskutieren: Was ist eigentlich notwendig?