Mit dem Herzen arbeiten – Als Beraterin von Geflüchteten

Beratung & Seelsorge & Diakonie
Manchmal sorgt ihr persönliches Schicksal für mehr Akzeptanz bei ihren Klient*innen. Dass viele Menschen Ekaterina Schaz auf Anhieb vertrauen, kann man sich nach einem Gespräch mit ihr gut vorstellen. Das hilft ihr ihrer Arbeit als Beraterin von Geflüchteten in Radolfzell. Dort ist sie für die Kirchlich-diakonische Fachberatung Flucht tätig.
Die Weißrussin Ekaterina Schaz kam 2005 an den Bodensee. Da war sie Anfang 20. Es war nicht leicht, als Au-pair-Mädchen und im Freiwilligen Sozialen Jahr, mit geringem Einkommen ihre Deutschkurse zu bezahlen. Später bediente sie jedes Wochenende, um das Studium der Sozialen Arbeit in München zu stemmen.
Sie kämpfte sich durch, hat nie aufgegeben und enttäuschte Erwartungen verdaut. Zum Beispiel, dass ihr belarussischer Schulabschluss und das Psychologiestudium fürs Grundschullehramt in Baden-Württemberg nicht für eine Hochschulzugangsberechtigung ausreichten. In Bayern hatte sie mehr Glück.
Zwei Welten

Ekaterina Schaz
Quelle: privat
Wenn sie die deutschen Hilfsangebote allgemein mit denen in Weißrussland vergleicht, erscheinen sie ihr paradiesisch. „Hier ist man viel offener gegenüber Beeinträchtigungen. Bei uns gibt es offiziell keine psychischen Krankheiten.“ Die „Klapse“ sei zum Wegsperren da. „Bei Depressionen heißt es: Der ist nur faul. Bei einem Alkoholiker wird nicht gefragt, woher das kommt.“ Die Deutschen machten das viel besser, aber – „hier haben wir eine große Lücke in der Versorgung von fremdsprachigen Menschen mit psychischen Problemen.“ Es gäbe kaum geeignete Therapien, die Psychiatrie nähme sie nicht auf oder nur kurzzeitig. Ekaterina Schaz befürchtet, dass manche irgendwann die Nerven verlieren, weil sie nicht rechtzeitig behandelt werden. Sie vermisst auf allen Ebenen kompetente psychologische Betreuung, bereits in den Wohnheimen nach der Ankunft, um Geflüchteten zu helfen, sich zu orientieren und Probleme rechtzeitig zu erkennen. Das wäre im Sinne der ganzen Gesellschaft.
Schritt für Schritt
Die begeisterte Wanderin schafft es, Stress im Wald abzubauen. Sie zwingt sich dazu, an nichts zu denken, den Wind zu spüren und die Probleme ihrer Klient*innen nicht überhand nehmen zu lassen. So vieles sei hier anders, auch für sie. Das geht schon beim deutschen Humor los. Sie brauchte etwas Zeit, um ihn zu verstehen, aber sie wollte es unbedingt. „Es ist schön, gemeinsam über das Gleiche zu lachen.“
Dass Frauen hier ihre Rechnung im Restaurant selbst zahlen und in Beziehungen viel unabhängiger sind, daran musste auch sie sich erst gewöhnen. Neu war auch, „dass in Deutschland ein Nein ein Nein ist und nicht wie in Weißrussland eine Aufforderung, nochmal zu fragen“.
Rassismus hat sie selbst nie erlebt. In der alten Heimat sei er alltäglich, wo jeder schräg angeschaut wird, der nicht russisch spricht. „Die sowjetische Erziehung zielt darauf ab, gut lenkbar zu sein, leise, nicht aufzufallen.“ Heute fühlt sie sich frei, weil sie in Deutschland sein kann, wie sie will. In Weißrussland schaue man viel mehr aufs Aussehen, und es nage immer der Zweifel „was sagen denn die anderen“. Ihre Mutter witzelt manchmal: „Du bist richtig deutsch geworden.“
Vorurteile berichtigt
Obwohl sie selbst Migrantin ist, hatte Ekaterina Schaz Vorbehalte gegenüber Geflüchteten und Einwanderern. Sie erwartete alles von ihnen: sofort die Sprache lernen, einen Job suchen, sich so schnell wie möglich integrieren, nicht vom Staat abhängig sein und „nur das Geld einstecken“. Seit sie ihren neuen Job bei der Diakonie hat, sieht sie vieles anders. Jetzt leidet sie mit. Es macht sie traurig, dass ihre Arbeitszeit meistens nur für Formalitäten reicht und kaum für vertrauliche Gespräche, die so wichtig wären. Oft fühlt sie sich als Feuerlöscherin, gerade wenn es um Abschiebung geht. „Da bin ich manchmal machtlos“. Sie wünscht sich, dass Bildungsabschlüsse leichter anerkannt werden und hofft, dass ihre Beratungsarbeit weiter finanziert wird.
Wenn Ekaterina Schaz frustriert ist, entlastet sie ihr Glaube. Sie genießt die Gemeinschaft bei ihrem evangelischen Arbeitgeber, die auf christlichen Werten fußt. „Hier wird zusammen gebetet und gesungen.“ Schon kann sie wieder lachen. „Ich habe immer mit dem Herzen gearbeitet, jetzt ist das noch mehr im Vordergrund.“
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