Ein Mann sitzt auf einer Bank an der Promenade am Fluss. Er ist in sich zusammengesackt, eine Wodkaflasche in der Hand. Neben ihm ein riesiger Blumenstrauß, wunderschön bunt.
Kurz überlege ich mit meiner Freundin, ob wir hingehen und uns kümmern müssen. Dann entscheiden wir uns, doch weiterzugehen. Aber er lässt und nicht los. Beschäftigt uns. Regt unsere Fantasie an. Unser Mitgefühl. Wir machen uns Gedanken darüber, was wohl passiert ist. Ich meine: Er wollte zum Friedhof, seine Mutter wurde beerdigt, aber seine Schwester wollte ihn dort nicht sehen, weil er schon getrunken hatte, bevor es auch nur losging mit der Trauerfeier. Nein, meint meine Freundin, der wollte die Blumen in der Stadt verkaufen und ist, warum auch immer, nicht so weit gekommen, sondern hier mit seiner Wodkaflasche versackt. Es will einfach nicht zusammenpassen: Die Wodkaflasche und der Blumenstrauß.
Um uns her dauernd Situationen, die wie ein Schnappschuss eine Lebensgeschichte illustrieren. Mal verbergen sie mehr, mal enthüllen sie alles wie unter einem Brennglas. Je mehr Lebensgeschichten ich kenne, umso mehr berühren sie mich, irritieren, verstören.
Sie verändern meinen Blick auf die, die da sitzen auf der Bank am Fluss, in der Stadt, auf der Straße. Mit manchen habe ich gesprochen, mich länger unterhalten. Wenn wir uns jetzt sehen, lächeln oder nicken wir uns kurz zu.
Welche Geschichte eine Wodkaflasche und ein Blumenstrauß mir erzählen können, hängt davon ab, was für Geschichten ich schon kenne, aber vor allem davon, ob in meinem Blick schon ein Urteil liegt oder eher eine Frage: Was hast du erlebt? Wo kommst du her?
Und wie bist du hier gelandet, mit deiner Wodkaflasche und dem Blumenstrauß? Kann ich verstehen? Irgendwie helfen? Einen Moment Aufmerksamkeit schenken? Oder zumindest nicht verurteilen: Ein Mensch sieht was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. (1. Samuel 16, 7)
