Die Rote Beete macht sich farblich hervorragend neben den hellgrünen Kohlrabiknollen; und die Möhren („Gelerübli“ auf Alemannisch, sehr lautmalerisch!) tun das Ihre zum Ensemble. Die Pfifferlinge liegen aus, ein paar Steinpilze, und daneben Tomaten, Gurken, Paprika (Ich nehme meist den roten.) Und heute mal Staudensellerie, und Knoblauch brauch ich noch, Eier; Zwiebeln und Kartoffeln müssten noch in der Vorratskammer liegen (Hätt ich mal nachsehen sollen …).
Ach, ich liebe es, auf dem Markt einzukaufen. In Baden-Baden, wo ich lebe, gibt es jeden Tag einen – natürlich geh ich nicht jeden Tag dorthin, das ginge ziemlich ins Geld, aber zweimal die Woche … passt! Da hab ich auch meine Stände: Bei „Öhlers“ die Wurzeln und Knollen, bei „den Frauen“ Erdbeeren und Salat, bei „Christel“ den Käse und das Brot bei der elsässischen Bäckerei, die so wahnsinnig feine Madelaines führt (Und führe uns nicht in Versuchung!).
Ach, geht’s mir gut – denke ich dann, schwer beladen auf dem Rückweg nach Hause, wo das Erbeutete ausgebreitet und fürs Auge schön angerichtet wird.
Geht’s mir gut! Ich sag das bei mir selbst aber auch mit etwas Bitternis, nicht ohne Scham. Mir geht’s gut – so vielen Millionen aber nicht. So viele, die froh sind um den harten Kanten Brot, um eine Handvoll Reis, die vom Abfall der Reichen leben. So viele, die vergiftetes Wasser trinken oder keines mehr finden, die frieren in der Nacht. So viele, die ihre einstmals blühende Heimat verlassen mussten, weil sie dem Regime unliebsam geworden sind oder der Krieg ihre Städte und Dörfer überzieht. So viele, die vom täglichen Brot und vom Einkauf in Frieden und mit einer kleinen Plauderei nur träumen können.
Manchmal schmeckt mir, wenn ich daran denke, das Pilzragout nicht mehr und die Rote Beete bleibt mir im Halse stecken. Ich hab so viel, ich bin so reich, so viele, so viele haben nichts bis gar nichts.
Dieser Umstand macht mich verantwortlich. Ich, der ich habe, was ich brauche, verwende es, damit die, denen etwas bis alles fehlt, bekommen, was sie brauchen. Wenn die Möhre mich stärkt (den Blick zum Beispiel für meine Nächsten) und der Apfelsaft (der frisch gepresste) mich erfreut, dann nehme ich die Kraft und die Ermutigung, die daraus wachsen, um mit denen solidarisch zu sein, die weder Kraft noch Mut haben.
Ich denke, so geht das, wenn ich Gott dankbar sein will, dafür, dass ich habe, was es braucht. Es braucht aufmerksame Liebe, sonst schmecken die Trauben nicht und nicht der Salat.
Kirchenrat i. R.
Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung