„Es fließen Tränen und es wird gelacht“ – Das Trauercafé in Mannheim

Zwei graue Keramiktassen auf braunem Esstisch aus Holz in Café

Lebensfragen & Lebensformen

Trauer ist vielschichtig. Die einen ziehen sich zurück, andere halten es zuhause nicht aus. Die meisten vermissen jemanden zum Reden. Das brachte Heike Helfrich-Brucksch auf eine Idee. 

Keine klassische Trauergruppe sollte es sein, eher eine Art Stammtisch für zwanglose Treffen von Menschen, die einen Verlust verkraften müssen. Schon vor Corona hatte Heike Helfrich-Brucksch die Idee, ein Trauercafé einzurichten. Sie ist Pfarrerin auf der Vogelstang, einem Stadtteil Mannheims, in dem sehr viele alte Menschen leben - und sterben. 
 
Ende September ging das Trauercafé bereits in die fünfte Runde. Sie endet kurz vor Weihnachten. Eine harte Zeit für viele Trauernde, die zum Bespiel nicht wissen, was an Heiligabend mit ihnen werden soll. Wollen sie allein sein oder mit anderen feiern? Soll die verstorbene Person dabei eine Rolle spielen? Sind ein Gottesdienst oder ein Konzert Alternativen für den festlichen Abend?

Gemeinsam Abschiede verarbeiten 

Einige kommen regelmäßig zum Trauercafé, andere gelegentlich, oft sind neue Gäste dabei. Alle haben einen Menschen, der ihnen nahestand, verloren. Die Gruppe ist aber auch offen für Männer und Frauen, die andere Verluste oder schwierige Abschiede verarbeiten müssen. Das Leben ist schließlich voll davon: Ein Umzug kann schmerzhaft sein, das Ende des Studiums, eine Scheidung oder wenn Freundschaften scheitern.
 
Zwei Menschen sitzen auf einer, eine hält ein verwelktes Blatt in der Hand

Quelle: The Good Funeral Guide/Unsplash

Wer einen Abschied erlebt, ist gezwungen sich damit zu arrangieren. Heike Helfrich Brucksch beobachtet, dass Frauen sich oft nicht trauen, allein auszugehen. Anderen fällt die Decke auf den Kopf oder sie fühlen sich allein. Viele vermissen jemand zum Reden.
 
Da Trauer vielschichtig und unberechenbar ist, sind immer zwei Ansprechpersonen bei den Treffen dabei. Sie hören zu und betreuen die Gäste. Wenn jemand einen Spaziergang oder ein kurzes Gespräch unter vier Augen braucht, ist das möglich.
 
Ort des Trauercafés ist eine Gaststätte. Es gibt Getränke, Kuchen und belegte Brötchen. Die Geschäftsführerin war begeistert von der Idee. Sie stellte ihre Gaststätte den Trauernden zweimal im Monat für zwei Stunden zur Verfügung, damit sie ungestört sind. Als diese Gaststätte geschlossen wurde, hat die Pfarrerin schnell eine neue gefunden. 
 
Jedes Treffen hat ein Thema und beginnt mit einem kurzen Impuls. Alles, was Heike Helfrich-Brucksch anvertraut wird, ist streng vertraulich. Manchmal fließen Tränen, aber es wird auch gelacht. Trauernde sind oft verunsichert. Was ist normal? Darf ich mit Verstorbenen verbunden bleiben? Mit ihnen sprechen? Bilder aufstellen? Kleider aufbewahren? Oder bin ich dann verrückt?  

Auch Heiterkeit hat hier Raum 

Für Heiterkeit sorgen Friedhofsgeschichten. Viele haben skurrile erlebt. Doch man muss sich bei den Treffen nicht äußern, schweigen ist in Ordnung, genauso wie das Herz ausschütten. Jede Form der Trauer wird respektiert. Nichts wird in Frage gestellt. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es geht nicht um guten Rat. Niemand muss sich schämen. Jede*r kann so sein, wie er/sie ist.
Heike Helfrich-Brucksch fällt auf, wie umsichtig die Teilnehmenden sind, wieviel Vertrauen untereinander herrscht. „Manche können sich plötzlich aussprechen, die dachten, das schaffen sie nie.“  
Von Trauerphasen hält die Theologin, die lange auch Notfallseelsorgerin war, nichts. „Alles ist in der Trauer möglich“, sagt sie. „Nichts ist komisch. Weder Verdrängen noch sich der Realität stellen oder Frohsein, dass es endlich vorbei ist.“  
 
Sie weiß auch, wie wichtig in schwerer Zeit Kraftquellen sind. Immer wieder sind sie Thema. Die Pfarrerin vergleicht den langen Weg der Trauer mit einem verschlungenen Faden, der sich ab und zu verknotet und dann wieder löst. Die Kraftquellen helfen den Weg zu gehen, zu entwirren, zu begradigen: z.B. der regelmäßige Kontakt zu den Enkeln, den eigenen Garten pflegen, ein Lied hören, das Erinnerungen weckt oder von einem herzlichen Lachen angesteckt zu werden. 
 
Heike Helfrich-Brucksch hat ihren eigenen spirituellen Umgang mit Grenzen gefunden. Trotzdem geht ihr manches zu Herzen. „Es tut gut, vernetzt und mit anderen unterwegs zu sein.“ Es tröstet sie, dass sie aus den Runden immer mit dem Gefühl geht, etwas Sinnvolles getan zu haben.   
 
Das Trauercafè findet in der Regel mittwochs im Ristorante Trattoria Pizzeria Diego‘s, Römerstr. 102, in MA-Wallstadt statt. Die nächsten Termine sind 23.10., 6.11., 20.11., 4.12. und 18.12.; die Themen: lauten u.a.: „Wissen Sie: Mir kann es keiner recht machen.“; „Friedhofsgeschichten“; „Heute gönne ich mir Was Süßes!“; „Gnadenbringende Weihnachtszeit. Von Ängsten, Zwängen und Hoffnung.“  
Pfarrerin Helfrich-Brucksch erreichen Sie unter der Telefonnummer 0621 28000149 oder per E-Mail: vogelstanggemeinde.mannheim@kbz.ekiba.de (09.10.2024).