Was zuerst? Impuls über Prioritäten

Notizblock, Stift und Tasse auf Holztisch

Wolfgang Schmidt

Die Frage nach Prioritäten in der kirchlichen Arbeit treibt uns um. Was sagt eigentlich die Bibel zu der Frage der Prioritäten?
 
Mir sind dazu Worte aus der großen Rede Jesu, der Bergpredigt (Matthäus 6,25-33), eingefallen.
Dabei nimmt Jesus sehr zentral die Sorge in den Blick, die Sorge, die sich wie ein Unterton durch die Dinge zieht. Sorge um ausreichend zu essen, ausreichend zu trinken, Sorge um die Kleidung, die mich schützt und mir ein äußeres Erscheinungsbild verleiht.
 
Sorge ist eine Haltung, die in ihrer Grundausrichtung vom Verlust geprägt ist – besser gesagt von der Angst um Verlust. Befürchtung beherrscht das Dasein. Die Befürchtung, auf etwas verzichten müssen, etwas zu entbehren, Entscheidendes vermissen zu müssen. Die Angst loslassen zu müssen, hergeben zu müssen, etwas verlieren zu können und Wünsche aufgeben zu sollen.
 
Wenn Jesus von Essen und Trinken und von der Kleidung spricht, dann sind das keine Luxusobjekte. Es sind Dinge der alltäglichen Existenz. Existenznotwendiges. Es geht um Existenzangst in diesen Sätzen. Noch bevor es also um die Frage von Prioritäten geht, wirft Jesus ein Schlaglicht auf die Angst bezüglich der eigenen Existenz – eine Angst, die auch spürbar wird in unseren kirchlichen Diskussionen um Wandlung. Werden wir das tägliche Brot in der Form von FAG-Mitteln auch morgen noch haben? Werden wir die Kirchen und Gemeindehäuser, die unseren Aktivitäten Schutz, Geborgenheit und ein anschauliches Äußeres schenken, nächstes Jahr noch haben oder unbehaust, unbekleidet in der Welt stehen?
 
Nun hat Jesus ja in gewisser Weise gut reden. Als Wandercharismatiker zog er durchs Land, wurde von den Menschen nach deren Gutdünken mit dem täglichen Brot versorgt und wenn es nichts gab, holte er sich am Abend vielleicht ein paar frische Feigen vom Baum. Er hatte keine Kirchenverwaltung am Hals und musste sich über Gemeindehäuser keine Gedanken machen. Was das anging, war er ein freier Mensch. Seine Botschaft lebt von dieser Freiheit, sie atmet diese Freiheit. Und von diesem Atem, von diesem Windhauch möchte ich mich anstecken lassen.
 
Einerseits ist die Welt Jesu fern von unseren Fragen. Er hat keine Anstellungsverhältnisse zu verantworten und Pensionszahlungen vorzuhalten. Aber im Spannungsfeld von Existenzangst und Freiheit des Glaubens, ist er uns trotz dieser Tatsachen unglaublich nahe. Er richtet unseren Blick weg von den äußeren – ich sage einmal weltlichen – Gegebenheiten auf den inneren Menschen, auf den Menschen vor Gott auf den Menschen im Angesicht einer anderen Welt, einer anderen Realität, nämlich der Welt Gottes. Seine Perspektive ist das Reich Gottes. Und in aller Freiheit macht er für uns diese Perspektive stark, diesen Spirit, diesen Geist, auf die Welt und auf die Dinge zu schauen.
 
Hier setzt er die oberste Priorität: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ (Matthäus 6,33) Trachtet zuerst! Das ist seine Prioritätensetzung. Zu der lädt er uns ein: Den Geist der Befürchtungen hinter uns zu lassen und uns mit seinem Geist zu verbinden, mit dem Geist der Freiheit in Gott, die Ausrichtung auf dessen Realität, auf dessen Wirklichkeit, in und jenseits unserer irdischen Wirklichkeit.
 
Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes. Wo wird etwas sichtbar von dieser anderen Wirklichkeit, etwas spürbar von Gottes Welt? Wo blitzt sie durch, wo bildet sich schemenhaft etwas davon ab? Wo funkelt es und leuchtet es, rührt an, ergreift, verwandelt es? Wo lebt Hoffnung, wo strahlt etwas von Gottes Liebe, öffnet, befreit aus der Zwangsherrschaft des Irdischen?
 
Priorisierung im Geiste Jesu hat eine Verheißung: Dann wir euch das alles zufallen. Jesus gibt kein Rezept, er spricht uns eine Verheißung zu. Im Wort zufallen, steckt auch das Wort Zufall. Ungeplantes geschieht. Unerwartetes ereignet sich. Umstände treffen ein, die so nicht geplant waren und nicht gedacht. Hier setzt sich der Geist der Freiheit fort. Es ist ein Geist der Möglichkeiten, die im Gottvertrauen ihre Wurzeln haben. Es gibt einen Unterschied zwischen Leichtfertigkeit und Freiheit aus Gottvertrauen. Leichtfertige sind leicht fertig mit einer Sache. Freiheit kennt die Untiefen, spürt auch die Sorge, die Existenzangst, die Verantwortung – führt aber darüber hinaus. Sie lebt vom Vertrauen auf die Möglichkeiten Gottes. (25.10.2024)
 
  

Silke Dangel

Oberkirchenrätin / Leitung des Referats 4 "Bildung und Erziehung in Schule und Gemeinde"