Lobbyistin für Menschlichkeit – Als Kirchendiplomatin und Pfarrerin bei Landtag und Landesregierung 

Plenarsaal Landtag Baden-Württemberg

Politik & Gesellschaft

Sie macht keine Politik, aber sie bekommt Politik hautnah mit. Seit einem Jahr ist Arngard Uta Engelmann die „Beauftragte der Evangelischen Kirchen in Baden-Württemberg bei Landtag und Landesregierung“. Wie sie ihre Aufgabe sieht und wie sie Politikerinnen und Politiker erlebt, erzählt sie im Interview. 

Wenn im Haus des Landtags in Stuttgart Plenarsitzung ist, sitzt sie regelmäßig oben auf der Galerie. Meistens gemeinsam mit ihrem katholischen Kollegen. Mal blickt sie auf hitzige Debatten, dann wieder auf zähes Ringen. Sobald Sitzungspause ist, verlässt Uta Engelmann ihren Platz und ist im Haus unterwegs. „Alle im Landtag wissen, dass ich als Gesprächspartnerin da bin und nicht als jemand, die in erster Linie etwas von jemandem will. Wir sind da - einfach für eine Atempause im politischen Alltag.“    
 
Ihre Rolle als Gesprächspartnerin hat Engelmann kürzlich auch bei der Herbsttagung der badischen Landessynode betont: „Dafür stehen wir: für Begegnungen, für Offenheit, für Interesse, unverzweckt Seite an Seite mit den Menschen, mit all ihren Herausforderungen, mit den Stimmungen, die es auszuhalten gilt. Das mitzutragen ist vielen etwas Kostbares, glaube ich.“ 
 
Porträt Arngard Uta Engelmann
Arngard Uta Engelmann

Quelle: Gülay Keskin

Ihrer Erfahrung nach wissen Politikerinnen und Politiker sehr wohl, welche Sorgen und Ängste es in der Gesellschaft gibt, auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird. „Im Ringen um Kompromisse erlebe ich auch mitunter das Ringen mit eigenen Ansprüchen. Das sind Herausforderungen und es gibt auch innere Zerreißproben.“ Engelmann spricht auch vom großen Optimismus und der Hingabefähigkeit der Menschen im Landtag, von der hohen inneren Motivation, etwas für die Gesellschaft zu leisten. Was sie an Politiker*innen darüber hinaus schätzt? „Sie haben eine unfassbare Lebenszähigkeit.“ Dazu gehört es auch, mit existentiellen Veränderungen umzugehen, zum Beispiel durch die Begrenztheit des Wahlamts, oder mit öffentlichem Druck, der bis ins Private reicht. „Wenn früher jemand ein politisches Amt übernahm, hieß es: Toll, dass du das machst. Und heute ist die Frage: Warum tust du dir das an? Das sagt viel über den Preis, den politisches Engagement kostet.“ 
 
Uta Engelmann bezeichnet einen wichtigen Teil ihrer Arbeit als „Kirchendiplomatie“. Was sie damit meint, erklärt sie so: „Diplomatie kommt von ‘Diplom‘, und das war ursprünglich ein Empfehlungsschreiben, das jemanden autorisierte. Mit dem Dienst der Beauftragten erklärt sich Kirche und ihre Inhalte und Werte, das, wofür sie sich in der Gesellschaft einsetzt, wofür sie steht.“ Darauf ist Engelmann ansprechbar und das spricht sie an. „Konkret geht es dann häufig darum, Gesprächsmöglichkeiten zu schaffen. Es braucht Gelegenheiten, sich aufeinander einzulassen und zu hören, an welchen Stellen die einen und an welchen die anderen unterwegs sind. Welche Motivationen Grundlage sind für das Handeln. Und dann zu schauen, was man daraus gemeinsam für die Gesellschaft machen kann.“  
 
Erste Ansprechpartnerin ist Engelmann auch, wenn die Landesregierung oder Parteien Informationen von den Kirchen benötigen. Dafür steht sie neben der politischen Seite in engem Austausch mit den Leitungen und Fachbereichen der beiden evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg. „Natürlich kann es auch sein, dass sich eine politische Situation ändert, und wir Kirchen dazu Fragen oder Klärungsbedarf haben. Dann gehen wir auf die Verantwortlichen zu, bitten um ein Gespräch oder vermitteln Kontakte zwischen kirchlichen und politischen Stellen.“ 
 
Kontrovers diskutiert wird in der Gesellschaft immer wieder die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Kirche. Wie politisch darf Kirche sein? Uta Engelmann antwortet schnell: „Ich würde anders formulieren: Kann Kirche unpolitisch sein? Kirche ist meines Erachtens immer politisch – wenn auch nicht parteipolitisch. Kirche ist aber immer mitten in der Gesellschaft, und ich kenne nichts Politischeres als verantwortlich die Welt zu gestalten – und sich dabei nicht selbst als das Maß der Dinge zu sehen, sondern in Verantwortung vor Gott und den Menschen. 
 
Im Untergeschoss des Landtags gibt es einen Raum der Stille. Der steht immer offen. An den Plenartagen bieten Uta Engelmann und ihr katholischer Kollege dort Andachten an, als bewusste Auszeit vor einem langen Arbeitstag. „Als Kirchendiplomatin betreibe ich keine klassische Lobbyarbeit, aber ich bin vielleicht doch Lobbyistin - für die Menschlichkeit und für das Reich Gottes.“ (06.11.2024)