Über den eigenen Tod reden?!

Auf einem Hügel steht ein kahler Baum im Sonnenuntergang.

Lebensfragen & Lebensformen

Wir scheuen oft das Gespräch über das Ende unseres Lebens – das ist zumindest meine Beobachtung. Auch ich tue mich schwer, darüber mit den Menschen meines Vertrauens zu sprechen. Und Sie? Mit wem sprechen Sie über Ihren eigenen Tod? Und wie macht man das? Begleiten Sie mich gerne ein Stück auf meiner Erkundungsreise.

Wenn ich in meiner Heimatstadt über den Friedhof laufe und die Gräber meiner Verwandten besuche – meist zum Blumengießen –, spüre ich jedes Mal die Besonderheit dieses Ortes und die eigene Endlichkeit. Bei „frischen“ Gräbern mit den schlichten Holzkreuzen denke ich meist daran, wie in dieser Familie der Tod und die Trauer aktuell den Alltag bestimmen. Ich frage mich: Was braucht es, um zu Lebzeiten über den Tod ins Gespräch zu kommen? Helfen diese Gespräche in der Phase der Trauer?
 
Selbst gemaltes Bild von Sophie (zehn Jahre alt) über ihren eigenen Tod
Sophie (10) erzählt zu ihrem Bild: "Wenn ich einmal tot bin, dann treffe ich im Himmel mein Pferd Yakari und unseren Hund Nala. Und Jesus ist auch da."
Bevor man mit anderen über den eigenen Tod reden kann, braucht es eigene Klarheit. Ein Zwiegespräch mit sich selbst kann helfen, um Gewissheit über die eigenen Einstellungen, Wünsche und Ängste zu bekommen. Ich führe diese Zwiegespräche meist an Orten, an denen der Tod sehr präsent zu sein scheint, beispielsweise während ich auf einer Trauerfeier einer verstorbenen Person gedenke. Meine Gedanken kreisen dann unter anderem um die Fragen: Habe ich Angst vor dem Tod oder sehe ich ihn als natürlichen Teil des Lebens? Was hoffe ich, hinterlassen zu können, wenn ich nicht mehr da bin?
 
Um diesen Gedanken nachzugehen, besuche ich das „Hospiz Horizont“ in Singen am Hohentwiel. Menschen ziehen dort ein und verbleiben meist bis zu ihrem Lebensende. Eine Mitarbeiterin erzählt: „Manche haben sich gut auf ihren Tod vorbereitet, während andere kaum Vorsorge getroffen haben und stark auf Verdrängung setzen. Es gibt auch jene, die ungeduldig darauf warten, dass das Unvermeidliche endlich eintritt. Einige sind still und nachdenklich, andere feiern besondere Momente wie ihren letzten Geburtstag oder sogar ihre Goldene Hochzeit.”
 
Jede Person, die im „Hospiz Horizont“ stirbt, wird mit Respekt verabschiedet: In den Sarg wird eine Feder gelegt, und die Verstorbenen verlassen das Haus durch den Haupteingang – niemals durch die Hintertür. Für ehemalige Gäste wird eine Muschel mit ihren Initialen und dem Sterbedatum gestaltet, die im Garten unter einen Busch gelegt wird. Solange die/der Verstorbene noch im Haus ist, brennt zu ihrem/seinem Gedenken im Hausflur eine Kerze. „So verabschieden sich die anderen Gäste und Mitarbeitenden von der verstorbenen Person” berichtet mir die Mitarbeiterin. Auf dem Rückweg nach Hause denke ich nach: Wo möchte ich eigentlich sterben? Wie möchte ich, dass sich meine Familie und Freunde an mich erinnern?
 
Selbst gemaltes Bild von Mattis (sieben Jahre alt) über ihren eigenen Tod
Mattis (7) erzählt zu seinem Bild: "Das Bild besteht aus zwei Teilen, darum auch zwei Blätter. Unten sieht man die Menschen, die reden. Auch über tot sein. Über ihnen ist der Himmel. Dann kommen Wolken. Darüber ist eine Kirche und viel Sonne. Und Menschen. Alles ist ganz hell. Die Menschen sind tot und bei Gott."
Als Kind habe ich immer gedacht, die Einlieferung eines geliebten Menschen in ein Krankenhaus ist das Todesurteil für diese Person – dem ist Gott sei Dank nicht so. Wenn Menschen im Krankenhaus dann doch in ihrer letzten Lebensphase nicht mehr ansprechbar sein sollten, übernehmen andere die Verantwortung für die kranke Person. Eine Vorsorgevollmacht kann Angehörigen, Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften enorm helfen. Sie gibt klare Richtlinien, wer Entscheidungen treffen darf und welche Wünsche des Patienten/der Patientin dabei berücksichtigt werden sollen. Hierzu gibt es unter anderem von der Landeskirche die Broschüre Nicht(s) vergessen. Gut vorbereitet für die letzte Reise. Ich stelle fest: Ich habe noch überhaupt nichts schriftlich fixiert, ein To-Do, das ich zeitnah unbedingt erledigen sollte.
 
Bei meinen Recherchen begegne ich auch einer Palliativärztin. Wenn auf Heilung keine Aussicht mehr besteht, lassen sich durch Palliativmedizin die Folgen einer Erkrankung lindern (=Palliation). Ich frage sie: “Wenn es auf das Ende zugeht, wie läuft eigentlich das Sterben ab?” Sie beschreibt mir einen möglichen Sterbeprozess: „Zunächst nimmt der Hunger ab und die Schlafphasen werden länger. Dieser Prozess kann von wenigen Stunden bis zu mehreren Tagen dauern. Die Haut beginnt zu marmorieren, in der letzten Phase rasselt die Atmung. Die meisten Menschen schlafen schließlich friedlich ein.“
 
Der Tod ist ein Thema, das in vielen Familien gemieden wird. Zu groß erscheint die Angst, die eigene Sterblichkeit oder die eines geliebten Menschen anzusprechen. Bei der Lektüre der Broschüre „Nicht(s) vergessen“ lerne ich: Diese Gespräche sind von unschätzbarem Wert, um Missverständnisse zu vermeiden, Wünsche zu klären und für schwierige Zeiten vorbereitet zu sein. Aber wie kann man solche Gespräche beginnen, ohne Angst oder Widerstände auszulösen?
 
Selbst gemaltes Bild von Marleen (sieben Jahre alt) über ihren eigenen Tod
Marleen (7) erzählt zu ihrem Bild: "Wenn man tot ist, dann begegnet man Jesus."
Im Büro unterhalte ich mich mit einer Kollegin über denkbare Gesprächsoptionen. Gemeinsam stellen wir fest, dass viele Zeitpunkte geeignet sein können für einen ersten Schritt: ein ruhiger Spaziergang, das Verweilen auf dem Sofa oder das gemeinsame Essen am Esstisch. Sie meint, dass man zum Einstieg man von den eigenen Überlegungen erzählen könne. Zum Beispiel: „Ich habe in letzter Zeit viel über wichtige Themen wie Krankheit und Abschied nachgedacht. Es fühlt sich wichtig an, das auch als Familie zu besprechen.“ Solche persönlichen Worte nehmen den Druck und eröffnen Raum für einen einfühlsamen Austausch. Hilfreich seien offene Fragen, etwa: „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was dir wichtig wäre, wenn du nicht mehr selbst entscheiden könntest?“ oder „Wie stellst du dir deinen Abschied vor?“
Mit der Zeit können auch praktische Aspekte angesprochen werden, wie Wünsche für medizinische Entscheidungen und nach Ritualen oder die Klärung rechtlicher Fragen. Es ist wichtig, dabei Raum für Emotionen zu lassen und geduldig zu sein, wenn die Themen anfangs schwerfallen. Einfühlsame Worte wie „Es ist okay, wenn dir das Gespräch schwerfällt. Mir geht es ähnlich.“ können helfen, Barrieren abzubauen.
 
Selbst gemaltes Bild von Jana (14 Jahre alt) über ihren eigenen Tod
Jana (14)
Die Kollegin resümiert: „Wer sich offen über den Tod austauscht, sorgt dafür, dass im Ernstfall Wünsche respektiert und Entscheidungen im Einklang mit den Werten jedes und jeder Einzelnen getroffen werden können. Um langfristig im Gespräch zu bleiben, bietet es sich an, das Thema regelmäßig aufzugreifen. Und wenn es schwierig wird, kann Unterstützung von außen – etwa durch eine*n Seelsorger*in oder Mediator*in – hilfreich sein, um alle Beteiligten einzubeziehen.“
 
Mein Fazit: Ich sollte mich nicht zu sehr unter Druck setzen, wenn ich mit anderen über meinen eigenen Tod ins Gespräch kommen möchte. Die Chance eines Austauschs sollte ich aber auf jeden Fall ergreifen. Denn am Ende hilft es den Menschen meines Vertrauens und natürlich mir. (20.11.2024)
 
Die gemalten Bilder sind im Rahmen des Religionsunterrichts entstanden.