Auf der Suche

Ausgestochene Plätzchen in Form von Tannen und Sternen

Urte Bejick

Impuls über den  Advent als Fastenzeit

Advent ist Fastenzeit. Und das angesichts von Lebkuchen, Honiggebäck, Früchtekuchen. 
Aber Fasten heißt ja nicht immer Nahrungsverzicht oder Verzicht auf Gewohnheiten. „Fasten“ heißt: realistisch sein. Es ist Konzentration. Fasten ist die Frage nach dem Wesentlichen und Not-Wendigen. Fasten kann Protest sein. Fasten ist Willensbekundung möglicher Umkehr - da schadet ein Stück Marzipan nicht. Im Gegenteil: Fasten kann auch bedeuten, sich bewusst innerlich und äußerlich zu pflegen. Gehe ich pfleglich mit mir um? Mit anderen Menschen? Mit dem mir Anvertrauten? Mit der Mitwelt? Gar mit Gott?
 
In den Adventsliedern wird gerne vom Vorbereiten auf Besuch, vom Putzen und Schmücken gesungen. Auch vom Sehnen, der Sehnsucht und der Suche. 
Eine Such- und Putzgeschichte steht auch im Lukasevangelium: 
„Wie ist es, wenn eine Frau zehn Silbermünzen hat und eine davon verliert? Wird sie da nicht eine Öllampe anzünden, das Haus fegen und in allen Ecken suchen – solange, bis sie das Geldstück findet? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: ‚Freut euch mit mir! Ich habe die Silbermünze wiedergefunden, die ich verloren hatte.‘ Das sage ich euch: Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen Sünder, der sein Leben ändert.“    
(Lukas 15,8-10; Basisbibel)
 
Eine Frau besitzt zehn Silbermünzen und verliert eine. Das entspricht wohl dem Tagelohn für Arbeiterinnen und Arbeiter. 
Die Frau hat „etwas zurückgelegt“. Ich sehe einen Schwarzweiß-Film aus den 50erJahren vor mir: Da hatten nicht viele Frauen feste Ausbildungsberufe wie heute. Und wenn sie „keinen Beruf“ hatten, arbeiteten sie umso mehr: Durch Putzen, Waschen, Flicken, Nähen verdienten sie etwas „dazu“, wie es hieß. Und manche zweigte davon etwas ab. Meist für die Kinder, dass die auf dem Jahrmarkt auch mal eine Tüte Mandeln kaufen konnten. Oder gar für sich - mal einen Lippenstift, eine neue Bluse. Oder sie sparten hart, um sich einmal aus nicht mehr wohltuenden Beziehungen zu lösen. Geht es um Geld? Ja, aber vor allem um Freiheit, Schönheit, Wohltuen. Da zählt jedes Silbermünze, jede Mark, jeder Cent.
 
Für welche Münze würde ich Möbel abrücken? Was täte mir weh? Für welche Sehnsüchte, Werte, Träume bin ich bereit, vielleicht nicht alles, aber vieles umzukrempeln? 
Und wo habe ich was hingelegt: Speicher, Regal, Schublade, ist mir etwas unters Sofa gerollt? Habe ich Träume resigniert verstaut? Sind Sehnsüchte langsam verstaubt? Landen Werte wie Frieden, Gerechtigkeit, Mitweltlichkeit, Wohlwollen in den Schubladen der Realität und hole ich sie nur ab und zu heraus, um sie mit Wehmut zu betrachten?
 
Eine Silbermünze - ein Tageslohn, ein Tag Lebensunterhalt. Die Fastenzeit Advent können wir dazu nutzen, nach dem Notwendigen im eigenen Leben zu suchen und dem Notwendigen, das unsere Gesellschaft, unsere Mitwelt erhält. Es ist die Zeit, Träumen, Sehnsüchten, den eigenen Werten nachzuspüren, nach ihnen zu suchen. 
 
Das schafft kein weltweites Umdenken, hält die Klimakrise nicht auf, schafft keinen Weltfrieden. Eine Kerze, ein gemütlicher Kakao, ein gefülltes Vogelhäuschen und ein Spendenschein werden daran nichts ändern. Aber wo kaum noch Hoffnung ist, gilt es die Sehnsucht zu pflegen. Umso wichtiger ist es, den Advent zu begehen: als eine Zeit der Unterbrechung. Als eine Zeit des Protestes: Umkehr ist immer noch möglich! Als eine Zeit der Besinnung gegen Dummheit und Ignoranz.
 
Advent heißt aber nicht nur, dass wir warten, erwarten, ersehnen, erbeten. Advent heißt auch: Gott sucht nach uns. Sucht nach einem Fünkchen Vernunft, Wohlwollen, Freundlichkeit, Bereitschaft zu vergeben, Mitgefühl. Wo unsere Hoffnung fadenscheinig wird, hofft er unbeirrbar auf uns Menschen. Wo Friedfertigkeit, Sanftmut, Großherzigkeit und Wohlwollen nicht mehr hoch im Kurs stehen, investiert sie genau in diese Aktie. Noch ist ein anderes Leben, ist eine andere politische Wirklichkeit möglich! 
 
Advent - jeden Tag sucht Gott. Jeden Tag hofft er auf ein kleines Zeichen von jedem und jeder von uns. Wir können die Suche erleichtern- indem wir klimpern, indem wir blitzen und leuchten.
Machen wir Gott und den Engeln doch eine kleine Weihnachtsfreude, je nach den Möglichkeiten, die wir haben. Die mögen mehr sein als wir denken. Jede Münze zählt - zumindest in der Ökonomie Gottes. Es ist die Ökonomie der Freundlichkeit, des Wohlwollens, des Teilens, der Vergebung. Und auf die kommt es doch an. (06.12.2024)
 
  

Dr. Urte Bejick

Theologin/ Bereich Altenheimseelsorge, Abt. Seelsorge/ZfS